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Rezension: Sachbuch : Nieder mit allen Kapitalisten

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Albrecht Langner weiß, weshalb Adam Smith nicht so recht durch das Nadelöhr der christlichen Sozialethik geht

          1873 veröffentlichte der baltische Lutheraner Alexander von Oettingen "Die Moralstatistik und die christliche Sittenlehre. Versuch einer Sozialethik auf empirischer Grundlage". Sein Begriff "Sozialethik" avancierte bald zum Titel einer neuen theologischen Disziplin, die seit den zwanziger Jahren akademisch institutionalisiert wurde. Neben die Lehrstühle für Ethik oder Moraltheologie traten eigene Professuren für Sozialethik oder - im katholischen Sprachgebrauch - Soziallehre, um Normen für eine christliche Gestaltung von Staat und Gesellschaft zu begründen. Die krisenhafte Dynamik des modernen Kapitalismus sollte in einer Ordnung kanalisiert werden, die am "Gemeinwohl" oder an "Sozialprinzipien" wie Solidarität, Gerechtigkeit und Subsidiarität orientiert war. Mit ihren Mittelwegen zwischen "liberalem Individualismus" und "sozialistischem Kollektivismus" beeinflußten Sozialethiker beider Konfessionen die Konstruktion des deutschen Wohlfahrtsstaates und die Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft. An die Stelle der direkten Konfrontation zwischen den organisierten Interessengruppen trat die schiedlich-friedliche Vermittlung von Gegensätzen in Institutionen diskursiver Verständigung. Die dritten Wege theologischer Sozialethiker führten in Verhandlungszimmer, wo an runden Tischen Klassenfeinde Buße taten und als Tarifpartner wiedergeboren wurden.

          Die spannende Geschichte der akademischen Sozialethik ist kaum erforscht. In Albrecht Langners Studien zur Geschichte der Disziplin stehen katholische Theologen und päpstliche Sozialenzykliken im Vordergrund. Doch blickt er über die Grenzen des katholischen Milieus hinaus und nimmt die teils parallelen, teils konträren Entwicklungen im Protestantismus zur Kenntnis. Zu Recht erhebt der früher an der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach forschende Gelehrte den Anspruch, erstmals "das speziell die deutsche Tradition christlicher Sozialethik auf besondere Weise kennzeichnende Gegenüber auf dem interkonfessionellen Problemfeld" zu beschreiben. In seiner ökumenischen Perspektive treten die noch immer wirksamen Unterschiede zwischen protestantischer Sozialethik und katholischer Soziallehre prägnant zutage. Die Katholiken verfügten seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert über eine modernisierte Naturrechtstradition und klagten trotz der Differenzierung moderner Gesellschaften ein substantiell bestimmtes bonum commune ein. Die Protestanten konnten sich auf keine verbindlichen Begriffe zur Begründung der Sozialethik verständigen und blieben stärker der Gefahr ausgesetzt, in großen theologischen Worten nur kleine Tagesweisheiten zu verkünden.

          Langner geht zu den Wurzeln kirchlicher Soziallehre in den gegenaufklärerischen Gemeinschaftsdiskursen des frühen neunzehnten Jahrhunderts zurück. Vordenker der Restauration wie Franz von Baader und Adam Müller entwarfen organologische Sozialmodelle, um "atomisierte Individuen" in Ständen und Genossenschaften neu zu vergemeinschaften. Das politische Gemeinwesen sollte zum Abbild des Reiches Gottes werden. Gegen den liberalen Konkurrenzkapitalismus und die Spaltung der Gesellschaft in antagonistische Klassen beschwor Müller eine harmonische Mittelstandsgesellschaft, in der eine starke Kirche ein geschwisterliches Gemeinschaftsethos garantiert. In seinem "ernsthaftesten Kriege gegen die staatswirtschaftlichen Anglomanen" aus der Schule Adam Smiths konzentrierte er sich auf den freien Markt, den er als Kampfplatz teuflischer Egomanen ablehnte. Dieser Antikapitalismus prägt die wirtschaftsethischen Debatten der Kirchen bis heute. Der Markt zerstöre gewachsene sittliche Bindungen zugunsten einer abstrakten Herrschaft des Geldes, erklärte Müller. Adam Smith übergebe "den ganzen Staat der Industrie, weil er alle Geschäfte in Gewerbe, alle Dienste in Lohnarbeit verwandelt, weil er nur eine Form des Gemeinwesens kennt, nämlich den Markt". In neueren päpstlichen Texten zur Kritik der Globalisierung liest man es nicht viel anders.

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