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Rezension: Sachbuch : Nie was von Gasen gehört, die Guten

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Gott, der große Zerstörer

          2 Min.

          Hatte die Erde gebebt, warf man die Prostituierten aus der Stadt. So hielt man es zumindest im andalusischen Carmona nach dem Erdbeben von 1504. Sündenböcke brauchte man, wenn etwas Unerklärliches geschehen war. Für die Menschen der Antike und der Frühen Neuzeit standen schließlich nicht die Erkenntnisse über die Plattentektonik der Kontinente als Erklärung zur Verfügung. "Extremereignisse" erschienen den Menschen als unmittelbarer Beweis der Existenz Gottes, der die Menschen für ihre Sünden büßen ließ - die Sündhaftigkeit allerdings erkannten die Carmoneser nicht am eigenen Leib, sondern an den Prostituierten. Martin Körner hat einen Sammelband herausgegeben, der eine historische Katastrophenfolgenbeseitigungsforschung begründen soll ("Stadtzerstörung und Wiederaufbau". Band 1: Zerstörungen durch Erdbeben, Feuer und Wasser. Verlag Paul Haupt, Bern 1999. 339 S., geb., 47,- DM). Die in deutscher, englischer und französischer Sprache verfassten Aufsätze decken eine gewaltige zeitliche und regionale Spannweite ab. Vom frühen Mittelalter bis zur Zeit um 1900, von den Erdbeben im Mittelmeerraum bis zu den verheerenden Bränden in den fast ausschließlich aus Holzhäusern errichteten finnischen Städten, vom Großbrand Londons 1666 bis zum Brand Tokios (Edos) im Jahr 1657 reicht das Spektrum des Schreckens. Den theoretischen Hintergrund umreißt der Herausgeber, indem er Erkenntnisse der Risikoforschung vorstellt, die er für die Stadtgeschichtsschreibung nutzbar machen möchte. Allerdings streifen die meisten Beiträge diese theoretischen Überlegungen nur am Rande; den vom Herausgeber entwickelten umfangreichen Fragenkatalog können sie nicht erschöpfend beantworten. Zu schmal ist manchmal die Quellenbasis. Selbst eine so erfahrene Historikerin wie die verstorbene Edith Ennen bietet in ihrem Beitrag über "Eisgang und Hochwasser von 1784 am Niederrhein" kaum mehr als Anekdotisches: einige anschauliche Beschreibungen, wenige Daten über den Grad der Zerstörungen in Köln und Bonn sowie Hinweise auf die rasch einsetzende Hilfe der Räte in den zerstörten Städten. Die meisten Autoren streifen Mentalitäten und Wahrnehmungen im Angesicht der Katastrophe nur knapp und können über das Erklärungsparadigma der gottgewollten Heimsuchung hinaus keine weiteren Äußerungen dokumentieren. Sehr viel umfangreicher dokumentiert und analysiert sind dagegen die Maßnahmen zum Wiederaufbau der zerstörten Städte. Geradezu erschreckend langwierig gestalteten sich die Lernprozesse der Stadtbevölkerung und der Stadtverwaltungen. In Wien gelang es dem Rat der Stadt erst nach zahlreichen Bränden und dem Großfeuer von 1525, eine "Feuerordnung" mit entscheidenden Neuerungen durchzusetzen. Holzgedeckte Dächer wurden erst darin endgültig verboten, obwohl die Risiken dieser Bauweise längst bekannt gewesen waren. Etwa um die gleiche Zeit entwickelte Bern ein effektives Krisenmanagement. Dort beschloss die Stadtbehörde nach dem Großbrand von 1535 die beschädigte katholische Kirche - nach der Reformation hatte sie ihre Funktion verloren - abreißen zu lassen und die Steine für die neu zu errichtenden Häuser zu verwenden. Dieses frühneuzeitliche Baustoff-Recycling machte die neuen Stadtteile für künftige Zeiten feuersicherer. In Dresden schließlich schuf man hundert Jahre später auf der Fläche des abgebrannten alten Dresden einen neuen Stadtteil mit völlig geänderter Stadtstruktur, der daher den Namen "Neustadt" erhielt. So unterschiedlich die Wiederaufbaupläne und Schutzmaßnahmen, so verschieden waren auch die politischen Hintergründe der Hilfsmaßnahmen. Manche Stadt im spanischen Königreich Argonien geriet im Spätmittelalter durch Hilfeleistungen von auswärts in Abhängigkeit von den Landesherren; in der Schweiz dagegen unterstützten sich die Städte gegenseitig und bewahrten so ihre politische Autonomie. Die völlige Neugestaltung Dresdens wiederum war nur durch Druck und großzügige finanzielle Entschädigungen seitens des sächsischen Kurfürsten durchzusetzen gewesen. Die Beiträge zur historischen Katastrophenforschung werden die traditionelle Stadtgeschichtsforschung sicherlich nicht in ihren Grundfesten erschüttern. Ob auf der schwankenden Grundlage eines eher schmalen Quellenmaterials eine eigene Forschungsrichtung errichtet werden kann, darf wenigstens bis zum Erscheinen der Folgebände als zweifelhaft gelten.

          JÜRGEN SCHMIDT

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