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Rezension: Sachbuch : Nicht nur das amerikanische Volk ist ein Volk von Museumsbesuchern geworden

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Auch anderswo hat man den Architekten zum Glück ihre Phantasie nicht in der Schule abgetötet: Zwei Sammelbände dokumentieren neue Bauten

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          Als Jim Stirling, Englands Stararchitekt, mit seinem grasgrünen Köfferchen in der Hand über den grasgrünen Noppenboden seiner Stuttgarter Neuen Staatsgalerie schritt und sich zu seinem postmodernen Meisterwerk äußerte, scherzte er, ohne die leidige Kunst wäre die Architektur noch besser. Richard Meier, der Architekt des Frankfurter Museums für Kunsthandwerk, soll sich ähnlich erklärt haben. Dem Urheber des Jüdischen Museums in Berlin, Daniel Libeskind, las man von vornherein einen solchen Wunsch von den Augen ab. Jahrelang darf er seine Schöpfung zeigen, ohne durch Exponate behelligt zu werden. Das Museumsgehäuse ist zum ersten und wichtigsten Kunstgegenstand geworden.

          Museen seien die Kathedralen des jüngstvergangenen Jahrhunderts, oder zumindest der letzten Jahrzehnte. Dieses Wort fällt mehrfach in den beiden neuen Publikationen zum Thema Museum. Tatsächlich sind den Schatzhäusern der Kunst, Kultur und Technik Pflichten übertragen worden, die keineswegs nur mit der Bewahrung, Pflege und Erschließung des Ausstellungsguts zu tun haben. Museen müssen kompensieren, was den Städten Leids getan worden ist. Museen sollen ihnen das Flair kultureller Aufgeschlossenheit verleihen, das Investoren anzieht. Museen haben für kommunale Identität zu sorgen wie einst die Kathedralen. Sie müssen das Gemeinwesen zusammenhalten, metaphorisch, doch auch im wörtlichen Sinn. Oft verknüpfen die vielteiligen Bauanlagen disparate Orte der Stadt, stellen Wegverbindungen her, bringen Berg und Tal zusammen wie das Museum in Mönchengladbach oder holen die Stadt zurück ans Flussufer wie das Guggenheim-Museum in Bilbao.

          Seitdem die Städte mit Rathäusern und Theatern ausreichend versorgt sind, Kirchen kaum noch gebaut werden, Bahnhöfe sich in unterirdische und unsichtbare Einkaufsparadiese verwandeln, ist keine andere öffentliche Bauaufgabe übrig geblieben, die solche Aufgaben übernehmen könnte. Das Museum ist der einzige Ort, in dem Autonomie der Baukunst noch möglich scheint - neben dem opulenten Einzelhaus. Wo private Bauherren oder Stiftungen Museen bauen, handeln sie ohnehin jenseits nachprüfbarer Rendite-Kalkulationen. Sogar Rechnungshöfe der Kommunen und Länder verhalten sich im musealen Ernstfall nachsichtiger als Kostencontroller im kommerziellen Bauwesen. Wer wollte schon eines der wenigen denkbaren Gesamtkunstwerke vereiteln, auf dessen ertragreiche Nebenwirkungen die Stadtväter hoffen?

          Seit den Museumsmaschinen à la Centre Pompidou und den Black Boxes, in denen erst die Inszenierungskünste der Ausstellungsmacher die Gegenstände zum Leben erweckten, haben die Architekten vollen Gebrauch von der gewährten Liberalität gemacht. Die neuen Veröffentlichungen spiegeln zwischen Bregenz und Bilbao, Los Angeles und Lissabon eine Vielfalt, die sich jeder typologischen Einordnung entzieht. Von den großen Animationskünstlern Frank O. Gehry, Daniel Libeskind oder Mario Botta bis zu den strengen Minimalisten Peter Zumthor oder Tadao Ando findet sich jede architektonische Spielart. Wobei Vittorio Magnago-Lampugnani, einer der Buchherausgeber, zu Recht daran erinnert, dass Purismus und Reduktion nicht demütigen Dienst an der ausgestellten Kunst bedeuten müssen. Es gibt auch die Hoffart der Askese.

          Nichts scheint schwerer als die Gratwanderung zwischen den Ansprüchen der Architektur und denen der Kunst. Renzo Pianos Museum Beyeler in Basel-Riehen gehört zu den wenigen Häusern, in denen die Kunst sich wohl fühlt, ohne dass die Architektur zu kurz käme. Piano, Mitautor des Centre Pompidou, zählt zu den Architekten, die aus ihren eigenen Fehlern lernen. Schon bei der Kunstsammlung De Menil in Houston reagierte er auf die Nachteile des mechanistischen Allzweckpalasts und schuf mit einem sensiblen Lichtfilter Umweltbedingungen, unter denen die Kunst gedeiht. In Riehen kam die Rücksichtnahme auf die lokale Situation hinzu, auf die lange Mauer des Hanggrundstücks, auf die Lage oberhalb der Flussaue.

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