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Rezension: Sachbuch : Nicht im Sinne des Erfinders

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Synchronoptimismus

          Auf der Computermesse Cebit 1995 erfüllte sich Bill Gates einen langgehegten Wunsch: Der Microsoft-Chef begegnete Konrad Zuse, dem Erfinder des Computers. Wenige Monate vor Zuses Tod im Dezember des gleichen Jahres plauderten die beiden wie Großvater und Enkel über die legendären Anfänge des Computerzeitalters, als es so etwas wie Software noch gar nicht gab. Daß ein System Builder unserer Tage sich seiner Ahnen versichert, mag der amerikanischen Obsession mit Genealogien geschuldet sein, beweist aber doch, daß auch ein Gates weiß, daß Microsoft auf den Schultern von Riesen und anderen Makro-Organismen steht.

          Auch Arno Peters läßt in seinem neuen Buch "Computer-Sozialismus. Gespräche mit Konrad Zuse" (Verlag Neues Leben, Berlin 2000, 154 S., geb., 27,60 DM) an einer Stelle Gates und Zuse zusammen auftreten. Allerdings nur um zu bemerken, daß Gates, "der reichste Mann der Welt", an einem einzigen Tage, nämlich dem 16. Juli 1999, fünf Milliarden Dollar verdiente, was "1000mal mehr" sei, als Zuse in seinem ganzen Leben zusammengekratzt habe. Das dient Peters neben dem Verweis auf "Korruption, Prostitution, Drogenhandel, Organhandel, Raub, Mord, Menschenhandel, Kinderarbeit" zur Veranschaulichung des "menschenfeindlichen Wesens der Marktwirtschaft", deren endgültige Überwindung sich der in Bremen lebende Universalhistoriker schon länger vorgenommen hat.

          Peters, Jahrgang 1916, sorgte Anfang der fünfziger Jahre für einen der ersten Geschichtsskandale der Bundesrepublik, als seine von der amerikanischen Militärbehörde und einigen Kultusministerien für den Schulunterricht vorgesehene "Synchronoptische Weltgeschichte" kommunistischer Tendenzen angeklagt wurde. Das heute noch erhältliche Werk versuchte durch ein neues Darstellungssystem die eurozentrische Perspektive zu überwinden und widmete allen Kulturen der Welt gleich viel Platz und Aufmerksamkeit. Aus dem nationalsozialistischen Rassenwahn hatte Peters die denkbar radikalste geschichtsdidaktische Konsequenz gezogen.

          Die Gleichbehandlung aller Regionen der Erde und Zeitalter der Weltgeschichte blieb das Leitmotiv seiner Arbeit, die er seit 1974 am neugegründeten Bremer "Institut für Universalgeschichte" fortführte. 1989 erschien der sogenannte "Peters Atlas", der ein eigen(artig)es System der Flächenprojektion verwendet und alle Gebiete im gleichen Maßstab darstellt: Deutschland paßt auf einen Bierdeckel, während die Antarktis gerechterweise acht Seiten füllt. Zuletzt geriet Peters nach der Wiedervereinigung in die Schlagzeilen, als er aufgrund von Berechnungen der absoluten Reparationszahlungen von West- und Ostdeutschen vergeblich Entschädigungszahlungen an die DDR in Höhe von einer schlappen dreiviertel Billion forderte.

          Daß diesen unverdrossenen Streiter für globale Gerechtigkeit die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern erneut auf die Barrikaden oder wenigstens die Palme bringt, verwundert nicht. Auch durch das Scheitern des Sozialismus hat sich der rüstige Universalist nicht von seinem Glauben an die segensreichen Wirkungen einer zentral gesteuerten Ökonomie abbringen lassen. Womit wir beim Computer wären. Peters glaubt, die Planwirtschaft sei nur deshalb gescheitert, weil die Planung nicht perfekt genug gewesen sei: Irren ist eben menschlich. Der Computer aber wird, dessen ist sich Peters gewiß, die Komplexität der Wirklichkeit schon unter Dach und Fach bringen. So könne er "schon heute die Bedürfnisse der Menschen erfassen und ordnen sowie ihre Befriedigung durch die Planung und Organisation von Produktion, Dienstleistung und Verteilung ins Werk setzen". CPU statt ZK: Genosse Prozessor, übernehmen Sie!

          Schöne neue Welt also. Weniger schön ist allerdings, daß sich Peters dabei auf seinen Freund Zuse beruft, der sich nicht mehr wehren kann. Zuse habe das Wort "Computer-Sozialismus" geprägt, und zwar "am 16. Januar 1993 in meinem Bremer Hause". Das mag so gewesen sein. Allerdings ist es glatter Etikettenschwindel, wenn Peters seine eigenen utopischen Entwürfe als "Gespräche mit Konrad Zuse" ausgibt, als wären sie lediglich redigierte O-Töne im Sinne des Erfinders. Er sei es Zuse schuldig, so das Vorwort, "diese unsere gemeinsame Zukunftsvision für die wirklich Suchenden festzuhalten".

          Skeptisch macht allerdings der Umstand, daß Zuse in den letzten Jahren seines Lebens nicht gerade als Prophet eines goldenen Techno-Zeitalters, sondern vielmehr als Warner vor einer Herrschaft der Maschinen auftrat. Die heute bezüglich der Nanotechnologie beschworene Gefahr einer unkontrollierbaren Vermehrung von Apparaten war Zuse, der bereits in den sechziger Jahren an selbstreproduzierenden Systemen arbeitete, sehr bewußt. Die Programmierung von Computern durch ihresgleichen war ihm ebenso suspekt wie die große Bedeutung der Rechner im militärischen Sektor. Kurz gesagt: Es ist mehr als fraglich, ob Zuse dem geradezu unheimlichen Optimismus Peters' zugestimmt hätte.

          Weil dem Autor die Unglaubwürdigkeit seiner Behauptung wohl selber bewußt ist, greift er zu ungewöhnlichen Strategien der Authentisierung: Das klassenbewußt rot eingebundene Buch enthält ein kurz vor Zuses Tod entstandenes Foto der beiden Freunde sowie eine Porträtzeichnung Peters' aus der Hand des Hobbymalers Zuse vom gleichen Jahr. Auf diesem Bild sieht Peters merkwürdigerweise genau so aus, wie der Sozialismus in seinem Buch erscheint: jung, dynamisch und so, als hätte er die besten Jahren noch vor sich. Das muß computersozialistischer Realismus sein.

          RICHARD KÄMMERLINGS

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