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Rezension: Sachbuch : Nicht alle frommen Lutheraner waren Judenfeinde

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Seit den klassischen Arbeiten Fritz Sterns, Uriel Tals und Jacob Katz' gilt als gesichert: Im Kaiserreich waren viele Protestanten Antisemiten, weil sie in den Juden die Avantgarde einer amoralischen, die Substanz des christlichen Gemeinwesens aushöhlenden Modernisierung sahen. Mit der vorliegenden Studie will Wolfgang E.

          Seit den klassischen Arbeiten Fritz Sterns, Uriel Tals und Jacob Katz' gilt als gesichert: Im Kaiserreich waren viele Protestanten Antisemiten, weil sie in den Juden die Avantgarde einer amoralischen, die Substanz des christlichen Gemeinwesens aushöhlenden Modernisierung sahen. Mit der vorliegenden Studie will Wolfgang E. Heinrich diese Sicht in neuen mentalitätshistorischen Perspektiven problematisieren. Der älteren Forschung wirft er vor, sich einseitig auf Leitgestalten des Judentumsdiskurses wie Paul de Lagarde und Adolf Stoecker fixiert zu haben. Die hohe innere Fragmentierung des deutschen Protestantismus sei abgeblendet worden.

          Mit der neuen Milieutheorie unterscheidet Heinrich im Protestantismus konkurrierende sozialmoralische Milieus, die sich in Frömmigkeitsstil, Theologie, moralischem Habitus und sozialen Trägerschichten unterschieden. Die diversen Protestantismen erschließt er über ihre Presse. Zwar konzentriert er sich auf Preußen, die Fülle der Quellen ist dennoch überwältigend. Neben ungedrucktem Material in Kirchenarchiven wurden über achtzig protestantische Zeitschriften detailliert ausgewertet. Hinzu kommen jüdische Zeitschriften, Mitteilungen aus dem kulturprotestantisch geprägten Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Flugschriften, Predigtsammlungen und reiche Spezialquellen zur Judenmission. Judenbilder wurden auf Kanzeln verkündigt und im Konfirmandenunterricht gelehrt. Auch stritten die Protestanten heftig über die bürgerliche Rechtsstellung der Juden, den Zionismus, den Rassenantisemitismus und die Kulturkämpfe zwischen liberalen Reformjuden und gesetzestreuen Orthodoxen. Heinrich liest seine Quellen hermeneutisch sensibel. Zentrale Dogmen der modernen Sozialgeschichtsschreibung werden in Frage gestellt.

          Das Buch setzt mit Erwägungen zum Verhältnis von altem christlichem Antijudaismus und modernem Antisemitismus ein. Es beschreibt Überlagerungen und die Umformung überkommener religiöser Topoi in soziale Feindbilder. Jacob Katz' These, der moderne Antisemitismus führe die traditionelle religiöse Judenfeindschaft der Christen fort, werde den Quellen nicht gerecht. Je nach politisch-sozialer Lage, Frömmigkeitsstil und subjektivem Krisenempfinden wurden in den Protestantismen alte Bilder "des Juden" mit neuen Inhalten verknüpft. Eine monomorphe protestantische Sicht "des Juden" gab es nicht. Neben symbolischen Beständen, die eine tiefe religiöse Distanz zu jüdischen Glaubenswelten markierten, pflegten die Protestantismen auch Traditionen, die Judenfeindschaft und Rassedenken entgegenstanden. Überlieferte Bilder "des Juden" konnten in Spannung zu aktuell konstruierten stehen. Diese Ambivalenz erzeugte innerprotestantische Deutungskämpfe. Ihr entscheidendes Thema waren nicht die Juden, sondern der Ort des Protestantismus in der schnell sich wandelnden modernen Kultur. Die verschiedenen Protestantismen wollten ihre Sicht der Moderne als einzig legitime protestantische Position erweisen und sich jeweils als Leitkultur der deutschen Gesellschaft etablieren.

          In Texten der "Bielefelder Schule" kann man lesen, daß vor allem konservative Protestanten Judenfeinde waren. An der konservativen Kirchenpresse bestätigte sich dies nicht. Nicht alle frommen Lutheraner folgten Stoecker. Kirchlich Konservative teilten viele Wertvorstellungen orthodoxer Juden und nahmen die Bewegungen in den chassidisch geprägten Gemeinden wahr. Antijüdische Kritik richtete sich primär gegen die bourgeoisen Reformjuden, die man mit Stereotypen ablehnte, die auch zur Kritik liberaler Kulturprotestanten und katholischer Reformer dienten. Die protestantischen Liberalen konzentrierten ihren Judentumsdiskurs auf die Frage, ob die jüdische Orthodoxie modernitätsfähig sei. In beiden protestantischen Milieus wurden zeitweilig sehr positive Leitbilder der Juden als Mitstreiter zur religiös-sittlichen Erneuerung der deutschen Gesellschaft vertreten. Die auch von Zionisten provozierte Frage, ob die Juden eine eigene Nation seien, wurde in allen Protestantismen kontrovers diskutiert. Einig war man sich nur darin, Juden, die keine eigene Nation bilden wollten, stärker in die deutsche Kulturnation zu integrieren. In der Überzeugung, daß das Reich von 1870/71 nur auf protestantischer Wertgrundlage Bestand habe, erwartete man von diesen Juden fortschreitende Assimilation einschließlich der Konversion zum Protestantismus.

          Heinrich betont die Polymorphie protestantischer Judenbilder im Kaiserreich. Klischees wie jüdische Treue oder jüdischer Familiensinn konnten situativ unterschiedlich ausgelegt werden, kritisch als Gesetzlichkeit und Starrheit, positiv als kommunitäre Gesinnung zur Förderung des Gemeinwohls. Man sah "den Juden" als Verderber wie als Retter der Menschheit. Rein antijüdische Haltungen und radikale Antisemitismen blieben Ausnahmen. Protestantische Frömmigkeit hielt die Erinnerung präsent, daß Jesus von Nazareth ein Jude war. Heinrich nimmt endlich diese religiösen Züge protestantischer Judenbilder ernst. So sieht er die tiefe Ambivalenz, die viele Sozialhistoriker in ihrer notorischen Religionsblindheit nicht wahrnahmen.

          FRIEDRICH WILHELM GRAF

          Wolfgang E. Heinrich: "Das Judenbild im Protestantismus des Deutschen Kaiserreichs". Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des deutschen Bürgertums in der Krise der Moderne. Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Bd. 145. Rheinland Verlag, Pulheim 2000. 851 S., geb., 58,- DM.

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