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Rezension: Sachbuch : Neue Reisebücher

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Für die Tasche Die Stadt ist umstellt von Texten. Sie rücken ihr auf den Leib, beschwören sie, schreiben sich ihr ein. London zum Beispiel, eingefangen von Joseph Conrad, ist "eine Stadt ohne Schatten in einer Atmosphäre aus zerstäubtem Altgold", eingebunden, so Charles Dickens, "in den brüllenden Klang von Rädern und umhüllt von einem gewaltigen Katarrh".

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          Für die Tasche Die Stadt ist umstellt von Texten. Sie rücken ihr auf den Leib, beschwören sie, schreiben sich ihr ein. London zum Beispiel, eingefangen von Joseph Conrad, ist "eine Stadt ohne Schatten in einer Atmosphäre aus zerstäubtem Altgold", eingebunden, so Charles Dickens, "in den brüllenden Klang von Rädern und umhüllt von einem gewaltigen Katarrh". Gut hundert solcher Kabinettstücke hat Frederick Baker in seinem literarischen Reiseführer durch die Stadt versammelt. Erschienen ist er in der Reihe "Europa Erlesen" im Wieser Verlag.

          Der Band über London gehört zu den gelungensten der Serie. Er taucht die Stadt einmal ins trübe Gaslicht des 19. Jahrhunderts, dann in den Kerzenschein der Kriegsverdunkelung, um sie schließlich grell zu erhellen: als Hauptstadt der Swinging Sixties, des Punk und der miserablen Küche. Halt gewinnt die Fahrt durch die Stadt in den schlichten Worten der Virginia Woolf. Sie macht sich auf zum Haus des frühverstorbenen Dichters John Keats in Hampstead, schreitet die Zimmer ab, durchstreift den Garten, tritt auf die Straße und schaut auf London hinab, fasziniert und abgestoßen zugleich: "Da hat es seit undenklichen Zeiten gelegen und hat diesem Stück Erde immer tiefere Wunden geschlagen, es immer unbehaglicher gemacht, immer mehr zusammengeballt, mit Lärm und Unruhe erfüllt und ihm so eine untilgbare Narbe zugefügt."

          Welche Schicksale sich unter den Londonern unbemerkt ereignen, davon erzählen die Emigranten: Alexander Herzen, Karl Marx, Erich Fried, Friedrich Torberg. "Die gesamte Bevölkerung", schreibt Ernst Krenek, "erschien wie ein ungeheurer Club von Eingeweihten, die irgendwie wußten, was es zu wissen gab, und der Ausländer wurde sich selbst überlassen, als ob niemand das Recht hätte, Ausländer zu sein."

          Wie die heimwehkranken Exilanten hier der unbeschwerten Lektüre einen Stich versetzen, so tun es die eingekerkerten Dissidenten im Band über Budapest. Mercedes Echerer hat Anekdoten über Kaffeehäuser, Bäder und den Kakanier an sich zusammengetragen, das "Operetten-Klima" (Klaus Mann) der Stadt schwungvoll nachkomponiert. Und doch hallen vor allem die dunklen Stimmen aus den Verliesen der Geheimpolizei nach: "Ich war mitten in Budapest verschwunden", schreibt Paul Lendvai, "als wenn mich der Erdboden verschluckt hätte."

          Was vom Erdboden verschluckt und aus dem Stadtbild verschwunden ist, das rufen diese literarischen Reisebegleiter wieder auf, die Texte kurz genug, um sie unterwegs zu lesen. Im Band über Sizilien bietet Karel Capek auf wenigen Zeilen eine einfache Formel zum Verständnis der Insel: Die "verschiedenen Kulturschichten vermische man mit blendender Sonne, afrikanischer Erde, einer Menge Staub und herrlicher Vegetation, und man hat Sizilien". Den mafiosen Aasgeruch, der sich über eine Landschaft legt, "die keine Mitte kennt zwischen üppiger Weiche und vermaledeiter Wüste", wie Tomasi de Lampedusa sagt, hat der Band nicht unterschlagen. Er spricht wiederum aus, was an Ort und Stelle verschluckt, verschwunden, ja unterdrückt ist.

          TOBIAS RÜTHER

          Europa Erlesen: "London", herausgegeben von Frederick Baker, 268 Seiten; "Budapest", herausgegeben von Mercedes Echerer, 270 Seiten; "Sizilien", herausgegeben von Toni Bernhart, 284 Seiten (Wieser Verlag Klagenfurt, je 12,95 Euro).

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