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Rezension: Sachbuch : Neubewertungen erfreuen das Herz des Bordeaux-Trinkers

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Die besondere Stärke von Parkers Buch aber liegt in den Kommentaren, die ausführlich wie bei kaum einem anderen Werk ausfallen. Wer nicht nur auf die Punkte schaut, wird sich manchen vielleicht unvermuteten Weingenuß bereiten. Das Musterbeispiel ist der 82er Pichon Contesse de Lalande. Obwohl der Wein "nur" 99 Punkte bekommen hat, belegt er bei Vergleichsproben mit den Premiers Crus meist den ersten Platz. Als Musterbeispiel einer Contesse überzeugt dieser Wein derzeit durch seine üppige süße Frucht und seinen geschmeidigen samtigen Abgang, während etwa der 82er Latour (hundert Punkte) noch völlig unzugänglich ist. Ebenfalls ein reiner Trinkgenuß ist jetzt der 82er La Mission Haut-Brion (98); der 89er ist wohl der größere Wein, aber mehr Genuß bietet eben derzeit der sieben Jahre ältere Jahrgang. Ähnlich ist es mit dem 83er und dem 86er Margaux. Während letzterer die höhere Bewertung erhält, ist der 83er der schönere Wein, ein sanfter Riese, während der jüngere Kollege nur mit Taninen protzt.

Parker scheut sich nicht, hundert Punkte zu vergeben, auch auf die Gefahr hin, daß es noch bessere Weine geben könnte. Wenn ich als Maßstab den fantastischen Mouton von 1986 nehme, zweifle ich jedoch, ob alle anderen Hundert-Punkte-Weine dessen Klasse besitzen. Aber auf dem Gebiet des roten Bordeaux ist Parker anerkannt als einer der besten Kenner. Sein Urteil ist fundiert. Das gilt allerdings nicht für andere Weine (in diesem Buch betrifft es nur die weißen Bordeaux). Bei Burgundern zum Beispiel stehen seine Bewertungen häufig genauso im Widerspruch zu anderen namhaften Kritikern wie bei vielen Kaliforniern (soweit diese nicht in der Art eines Bordeaux ausgebaut sind). Auch bei vielen österreichischen und deutschen edelsüßen Weinen erstaunt sein Urteil. Im Verhältnis dazu scheinen mir die gleichfalls edelsüßen Sauternes und Barsacs im neuen Buch jedenfalls überbewertet. Als Beispiel sei nur Château d'Yquem, für Dessertweine sicherlich das berühmteste Weingut der Welt, mit seinem 90er Jahrgang (99 Punkte) genannt. Bei diversen Vergleichen hat der Yquem - ungeachtet zahlreicher frankophiler Weintrinker in jeder Runde - niemals einen Fürsprecher gehabt, obwohl seitens der deutschen Weine nicht einmal die Spitzenprodukte von Dönnhoff, Prüm oder Weil vertreten waren. Auch Stuart Pigott hat in seinem Buch "Die führenden Winzer und Spitzenweine Deutschlands" auf die Überlegenheit deutscher Edelsüßer hingewiesen, und bei einem von ihm durchgeführten Vergleich internationaler Süßweine nahm der 90er Yquem jüngst nur Platz 21 unter 23 Probanden ein. An den jeweils siegreichen deutschen und österreichischen Weinen gibt es allenfalls zu kritisieren, daß sie nur in äußerst geringen Mengen erzeugt werden, während vom Yquem mehrere zehntausend Flaschen eines jeden Jahrgangs auf den Markt kommen. Bei der zweifellos außerordentlichen Qualität des Weines ist das bemerkenswert; Parker sollte jedoch anerkennen, daß es möglich ist, noch bessere Weine zu erzeugen.

Ein Weißweintrinker wird somit - trotz der enthaltenen weißen Graves-, Sauternes- und Barsac-Weine - mit Parkers Buch nicht glücklich werden. Zu erdrückend ist die Rotweinübermacht. Und wer nicht bereit ist, mehr als fünfzig Mark für eine Flasche anzulegen, wird mit vielen der aufgenommenen Weine wohl ebensowenig anfangen können wie überzeugte Burgunder-, Rhône- oder Trollinger-Trinker. Für alle anderen bietet das Buch aber eine Fülle von Hinweisen, die beim Weinerwerb hervorragende Dienste leisten können.

Hundert-Punkte-Weine sind leider oft nur noch Prestige-Objekte, persönlicher Geschmack bleibt dabei zu häufig auf der Strecke. Die Frage nach dem Geschmack eines Mittrinkers wird sinnlos, wenn dieser antwortet: "Ich habe mehr als tausend Flaschen Hundert-Punkte-Weine nach Parker im Keller." Heute trifft man solche Menschen häufig.

Der Weinfreund befindet sich also in einem Dilemma: Wenn Parker einen Wein empfiehlt, ist es ein guter Wein, aber meist auch teuer. Viele 81er, 83er, 85er oder 88er - um nur schöne Jahrgänge zu nennen - sind jedoch noch heute zu vernünftigen Preisen zu haben. Und bei den Spitzenjahrgängen sind die 86er immer noch wesentlich billiger als die 82er und 90er. Mit (und trotz) Parker wird man sogar in diesem Bereich manchen guten Wein zu verträglichen Preisen erwerben und vor allem trinken können. HELMUT KAISER

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