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Rezension: Sachbuch : Neubewertungen erfreuen das Herz des Bordeaux-Trinkers

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Unbestreitbar hat auch ein negatives Urteil von Parker gravierende Auswirkungen auf die Wertschätzung und damit auch den Preis eines Weines. Aber sein Buch wendet sich in erster Linie an den Verbraucher, dem ein Klassifikationsrang aus dem Jahr 1855 nicht mehr viel nützt. Heute ist die Schwächeperiode von Lafite oder Margaux in den sechziger und siebziger Jahren überall dokumentiert. Doch in den Einschätzungen jener Zeit gab es keinen Hinweis darauf. Vielmehr wurden die Weine damals in höchsten Tönen gelobt - unter Verweis auf die Klassifizierung als Premiers Crus mehr als hundert Jahre zuvor. Ein Käufer, der sich auf dieses Urteil verließ, hat heute Weine im Keller, die die seinerzeit gezahlten Preise nicht einmal im Ansatz rechtfertigen können. Er wäre für eine rechtzeitige Warnung dankbar gewesen.

Vieles bei Parker ist schlichtweg Stilfrage; wer einen volleren, runden Wein einem fragilen, fein differenzierten vorzieht, wird diese Weine auch besser beurteilen. Damit muß sich der Leser durch Probieren vertraut machen. Eine Bewertung, die man als krasses Fehlurteil kennzeichnen müßte, habe ich im ganzen Buch nicht gefunden.

Sicher wird sich mancher fragen, ob die 79 Punkte für den 90er Pichon Contesse de Lalande gerecht sind. Aber wer die betörenden 82er (99 Punkte), 83er (94), 86er (94) oder auch schon den jungen 95er (96) vom gleichen Wein getrunken hat, wird dem 90er kaum mehr Punkte zubilligen, als Parker vergeben hat. So bestätigt sich manches Urteil: Wer den Abschnitt über Mouton aufmerksam liest, weiß, daß man dort in den Jahren 1987 bis 1994 nicht in Hochform war - vor allem im Vergleich zur Reputation des Weins und den grandiosen 82ern und 86ern, aber auch zu mancher Konkurrenz. Ein erst kürzlich durchgeführter Vergleich mit Weinen von Vieux Château Certan der Jahre 1988, 1989 und 1990 hat gezeigt, daß Mouton tatsächlich in allen drei Jahrgängen unterlegen ist.

Ist die Unterscheidung nach einzelnen Punkten überhaupt zu rechtfertigen? Gar nach einer Hundert-Punkte-Skala mit ihren winzigen Abstufungen? Aber der 81er Pichon Lalande (89 Punkte) ist aufgrund seiner süßlichen Cassisfrucht und der ausgewogenen "warmen" Art jetzt tatsächlich einfach einen Tick besser als etwa der sperrige 81er Latour, dem Parker 88 Punkte gibt. Man darf die Differenzierung nur nicht pervertieren und den einen Wein in den Himmel loben, während man den anderen verteufelt. Mag eine Einteilung mit bis zu fünf Sternen, wie etwa in der Weinzeitschrift "Vinum", dienlich dazu sein, sehr gute von ausgezeichneten oder schlechten Weinen zu trennen, so versagt diese Skala bei Weinen im selben "Prädikatsbereich". Nichts anderes gilt für ein Zwanzig-Punkte-Spektrum. Wenn man wie etwa Armin Diel dabei noch halbe und Viertelpunkte, vielleicht gar kombiniert mit einem Plus oder Minus, vergibt, erhält man kaum etwas anderes als Parkers Meßlatte. Deshalb hat wohl auch die Zeitschrift "Alles über Wein" erst kürzlich ihr traditionelles Zwanzig-Punkte-System gegen Parkers Skala ausgestauscht. Die 90er von Haut-Brion (96 Punkte bei Parker) und von La Mission Haut-Brion (94+) sind großartige Weine, die zweifelsohne fünf Sterne und neunzehn oder zwanzig Punkte auf anderen Skalen beanspruchen können. Die 89er Jahrgänge dieser Güter aber sind eine Offenbarung. Bei solchen Weinen reicht kaum die Hundert-Punkte-Skala, geschweige denn eine geringer abgestufte.

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