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Rezension: Sachbuch : Neubewertungen erfreuen das Herz des Bordeaux-Trinkers

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Allzu häufig wird gemeinhin die Bewertung eines Weines von dessen Ruf, verfügbarer Menge und Preis bestimmt; bei Wein-Ikonen dominiert zudem oft die Ehrfurcht vor dem Alter. Parker ist hiergegen gefeit; er probiert alle Weine in seinem Proberaum blind, das heißt ohne Kenntnis der Herkunft oder des Alters. Bei ihm als "Körpertrinker" (im Gegensatz zum "Eleganztrinker") geraten jedoch ab und zu die filigraneren Weine gegenüber der Geschmeidigkeit der volleren, süßeren Konkurrenz ins Hintertreffen. Mir scheint der 93er Lafite (bei Parker nur 88 Punkte) besser ausgefallen als sein höher bewerteter Jahrgangskollege von Angelus (92 Punkte). Jener "fein ausgefeilte, elegante, mit der noblen Verhaltenheit eines Lafite versehene Wein" mag wohl etwas karg sein, ist aber der harmonischere, der perfektere Wein; ihm sind die Jahrgangsmängel nicht so anzumerken wie dem Angelus.

Die Darstellung der einzelnen Jahrgänge bereits in der Einleitung ist ein Glanzpunkt des Buches. Parker verfolgt den jeweiligen Witterungsverlauf akribisch und hat zudem die Wetterdaten aller großen Jahrgänge des Jahrhunderts ausgewertet. Dabei berücksichtigt er auch regionale Besonderheiten. Der Einfluß der Witterung auf die Qualität eines Weins wird oft verkannt. Wer über die aktuellen Daten verfügt, hat einen Informationsvorsprung undkonnte in den großen Jahren 1982, 1983, 1986, 1990, 1995 und 1996 stets die richtigen Weine bestellen; lediglich 1989 hat sich zum Beispiel bei mir die Vernunft persönlichen Vorbehalten untergeordnet. Der famose Haut-Brion blieb ungekauft.

Wer jetzt bei Parker über die großen Niederschläge Anfang September in den Jahren von 1991 bis 1994 (mit Einschränkungen auch 1995) liest, wird berechtigte Zweifel an der Qualität dieser Jahrgänge haben. Wer dagegen erfährt, daß es 1996 zur Erntezeit von Merlot- und Cabernet-Franc-Traube zwar geregnet hat, der spätreifende Cabernet Sauvignon aber wie 1986 bei strahlendem Sonnenschein im Oktober gelesen wurde, weiß bereits, daß ein großartiger Cabernet Sauvignon, also ein typischer Médoc-Jahrgang zu erwarten ist. Lafite (bei Parker mit 94 bis 96 Punkten wohl etwas zu niedrig bewertet), Latour (96 bis 98), Mouton (94 bis 96), aber auch Léoville Las Cases (98 bis 100 Punkte, als einer der Lieblingsweine von Parker vielleicht etwas hoch angesetzt) und Château Margaux (98 bis 100) aus diesem Jahr bieten sich als Traumweine der Zukunft deshalb bereits an. Zu Recht bemerkt Parker: "Ich glaube, daß einige auf Cabernet Sauvignon beruhende Weine aus dem Médoc sich schließlich als mit die größten Rotweine herausschälen werden, die in Bordeaux in den letzten fünfzig Jahren entstanden sind."

Wer Parkers Anmerkungen zum Jahrgang 1990 liest, wird den Unterschied zum berühmten 82er leicht erkennen können. Beim 90er kann kaum ein Fehlgriff getan werden, während viele Weine aus dem Jahr 1982 enttäuschen. Die Spitzen des Jahrgangs allerdings sind besonders opulent und konzentriert geraten. Und wer den Abschnitt über die 86er studiert, wird sofort begreifen, warum Lafite und Mouton aus diesem Jahr vielleicht die größten Weine sind, die derzeit noch zu einigermaßen vernünftigen Preisen gekauft werden können. 1986 zählt nicht zu den Modeweinjahren, aber ich kenne keine besseren 82er oder gar 90er.

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