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Rezension: Sachbuch : Name, Name, du mußt wandern

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Gottfried Schramm folgt den Völkerbewegungen auf dem Balkan nach den Regeln der Sprachwissenschaft

          7 Min.

          Offensichtlich ist es ein typisches Bemühen älterer Gelehrter, ihre Studien zusammenzufassen, zu ergänzen und das eigene OEuvre zu kommentieren. Solche Unternehmungen sind häufig mit Ansätzen zur Selbstkritik, vor allem jedoch mit der erneuten Verteidigung der eigenen Thesen und Wertungen verbunden. In dieses literarische Genre gehört zweifellos Gottfried Schramms neuer Band, der elf überarbeitete und ergänzte Aufsätze aus drei Jahrzehnten mit vier unveröffentlichten Beiträgen zusammenfaßt und ein sehr persönliches Profil aufweist.

          Das großzügig gedruckte Buch wird durch eine Einleitung eröffnet, die in Schramms Methode einführt und die wichtigsten Etappen seines wissenschaftlichen Weges vergegenwärtigt. Dem Leser dürfte schon hier klarwerden, daß er sich auf ein schwieriges Unternehmen einläßt, Neuland betritt und der Leitung eines Pioniers vertraut. Schramm versteht es, diffizile sprachwissenschaftliche und historische Probleme auch Nicht-Spezialisten einsichtig und interessant zu machen. Er versucht, neue Erkenntnisse über jene Jahrhunderte zu gewinnen, in denen die Ordnung des Römischen Reiches auf der Balkan-Halbinsel zusammenbrach.

          Neben den literarischen und archäologischen Zeugnissen wird von ihm dabei "eine dritte Quellengattung ausgelotet, deren Bedeutsamkeit der Historie noch kaum aufgegangen ist. Um Namen und Wörter wird es gehen, und zwar um solche Gebilde, deren lautlichem Gehalt sich in Analysen, welche philologisches Handwerk mit dem Erkenntnisinteresse des Historikers verbinden, Spuren von Geschichte ablesen lassen." Schramm sieht sich damit in der wissenschaftlichen Tradition des Erlanger Namenforschers Ernst Schwarz, in dessen Seminar über germanisch-slawische Sprachbeziehungen (1950/51) er erste Impulse für seinen späteren Arbeitsschwerpunkt empfing.

          Zunächst führte ihn sein Weg freilich von der Altgermanistik ("Namenschatz und Dichtersprache. Studien zu den zweigliedrigen Personennamen der Germanen", 1957) zur osteuropäischen Geschichte ("Der polnische Adel und die Reformation 1548-1607", 1965). Doch mehr und mehr zogen ihn gleichzeitig die Probleme der Namenforschung an, die er auch in drei Monographien behandelt hat, die sich mit dem Osten und Südosten Europas befassen. Die Kontakte zwischen Hunnen und Germanen, Slawen und Römern, Rumänen und Albanern rückten in den Mittelpunkt seiner Interessen.

          In einem Hauptteil des Buches "Das fünfte Jahrhundert und die Hunnen" ist Attila die zentrale Gestalt. Sowohl in der Studie über Attilas Vater Mundiuch als auch in jener über Etzel, Botelungs Sohn, sucht Schramm ebenso die Genealogie der hunnischen Herrscher zu klären wie die Germanisierung hunnischer Namen, das "Namensspiel" germanischer Herrscherhäuser wie die Anfänge und Wanderwege der nibelungischen Tradition. Als Beitrag der Namenkunde zur Sagenforschung dient die Untersuchung der verschiedenen Varianten des Namens Kriemhilt, wobei Schramm Weitergabewege einerseits von den Burgundern, andererseits von den Ostgermanen unterscheidet. In dem Kapitel "Völker in Attilas Reich: Hunnen, Pannonier, Germanen" setzt er sich insbesondere mit der Kritik des Göttinger Turkologen Gerhard Doerfer an seinen Auffassungen auseinander und legt hierzu "Eine kritische Liste der Namen europäischer Hunnen im vierten bis fünften Jahrhundert" vor.

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