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Rezension: Sachbuch : Nacktheit erschreckt den Schutzengel

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Geschichte der Manieren: Alain Montandon ediert das Lexikon zum Prozeß der Zivilisation

          4 Min.

          Benehmen zählt. Was Manager oder Achtjährige direkt von "Etikette-Trainern" lernen, zum Beispiel bei noblen "Kinder-Brunchs", bieten von alters her Benimmbücher. Die knapp hundert Titel, die derzeit greifbar sind, darunter einer "ab 4 Jahre", vermitteln "Umgangsformen" für alle Lebenslagen noch in schriftlich fixierten Regeln. Herhalten muß nach wie vor der alte Knigge. Sein Werk "Über den Umgang mit Menschen" von 1788, im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Inbegriff deutscher Anstandskultur avanciert, lebt als Ratgeber in Privatleben und Beruf, als "Euro-", "China-" oder "Japan-Knigge", fort, und der Adlige, der sich für die Aufklärung stark machte, kann heute seinen Namen sogar einem "Anti-Knigge" leihen, Untertitel: "Lieber unverschämt und erfolgreich".

          Daß Manieren, für Norbert Elias Marksteine im Prozeß der "Zivilisation", die verschiedensten Auskünfte liefern, zeigt auch die Entdeckung der Anstandslehren durch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Kommunikationsideale und Höflichkeit aus der Frühen Neuzeit prägen die bürgerliche Welt bis heute - eine Perspektive, die auch die Verkürzung des "Knigge" auf ein "Einmaleins des guten Tons" korrigiert.

          Aus derselben Blickrichtung bündelt jetzt das "Dictionnaire Raisonné de la Politesse et du Savoir-vivre" die Anstandsliteratur der romanischen Länder. Zu Wort kommen vor allem die im Frankreich des 17. Jahrhunderts im Gefolge von Castigliones bahnbrechendem "Libro del Cortegiano" (1528) entstehenden Traktate über den Hofmann und den Honnête Homme, von Farets "L'honneste homme ou l'art de plaire à la court" (1630) über La Salles "Christlichen Anstand" (1716) bis zu den Benimmbüchern der Baronne Staffe (1899) oder der Madame de Rothschild: "Vom Glück der Verführung, von der Kunst des Erfolgs. Benehmen heute" (1991). Erfaßt wird so gut wie jede Verhaltensweise des einzelnen: "Seit der Renaissance empfahl man, sich niemals nackt zu zeigen, auch nicht vor sich selbst, denn das könnte den Schutzengel erschrecken, der unsichtbar einen jeden von uns begleitet"; "Nachlässigkeit in der Kleidung ist ein Zeichen für die Mißachtung der Gegenwart Gottes . . ." (La Salle); ". . . heute weniger Sorgfalt in der Wahl Ihrer Kleidung und morgen in der Ihrer Freunde oder Ihrer Moral" (Rothschild).

          Das von Alain Montandon herausgegebene Nachschlagewerk durchkämmt die Anstandslehren seit dem Mittelalter anhand von Leitbegriffen und macht so gerade die ununterbrochene Fortschreibung der Manierenbücher zum Thema. Gesellschaftliche Differenzierungs- und Normierungsvorgänge werden sichtbar, anthropologische Vorstellungen kristallisieren sich heraus, ebenso moralisch-ethische, ästhetische und ideologische Konzepte. Die europäische Reichweite des "Phänomens Knigge" tritt hervor.

          Die über vierzig Einträge des Lexikons zielen unter Rückgriff auf die Forschungen von Norbert Elias, Pierre Bourdieu, Roger Chartier und Erving Goffman auf eine "Archäologie des Benehmens". Einige Artikel zeichnen die Entwicklung von "Anstand", "Manieren", "Etikette" und "Zeremonie" sowie deren Kehrseiten "Affektiertheit", "Flegelhaftigkeit", "Zwanglosigkeit", "Lächerlichkeit" mentalitätsgeschichtlich nach. Andere konzentrieren sich auf die sozialen Auswirkungen dieser Anforderungen: auf "Diskretion" und "Distinktion", die Ausbildung von Privatisierung und Subjektivität ("Dame", "Gentleman", "Homme"), das Auseinandertreten der Räume in öffentliche wie Hof, Stadt, Badeort und private wie Saal und Appartement, Alkoven, Salon, Cabinet und "ruelle", den intimen Raum zwischen Bett und Wand, einen neuen Ort des Rückzugs, der bestimmten Freunden vorbehalten blieb. Wieder andere verfolgen die durch die neuen Verhaltensweisen in Gang gesetzte Transformation von Rede- und Schreibhaltungen ("Konversation", "Kompliment", "Spott", "Brief") oder rücken den "Körper" in den Blick, vom "Tanz" bis zu "Toilette" und "Mode".

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