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Rezension: Sachbuch : Nachtreporter seines Innenlebens

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Rudolf Leonhard, der expressionistische deutsche Dichter, der sich, ohne jemals Partei-Kommunist zu werden, früh auf die Seite der revolutionären Linken geschlagen hatte, ist, einer Einladung Walter Hasenclevers folgend, schon 1926 nach Frankreich übergesiedelt, lange vor Hitlers Staatsbemächtigung.

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          Rudolf Leonhard, der expressionistische deutsche Dichter, der sich, ohne jemals Partei-Kommunist zu werden, früh auf die Seite der revolutionären Linken geschlagen hatte, ist, einer Einladung Walter Hasenclevers folgend, schon 1926 nach Frankreich übergesiedelt, lange vor Hitlers Staatsbemächtigung. Als diese eintritt, wird er in Paris zu einem unermüdlichen Helfer seiner geflüchteten und verbannten Kollegen. Er taucht tief genug in die Sprache des Gastlandes ein, um französisch zu schreiben und zu publizieren, essayistische Prosa ebenso wie Gedichte; eine Hölderlin-Anthologie ist 1953 seine letzte französische Veröffentlichung.

          Aber er hat in Frankreich auch auf deutsch publiziert; in der Illegalität erscheint 1944 unter dem Pseudonym Robert Lanzer sein Gedichtband "Deutschland muß leben . . .", dazu bestimmt, unter den deutschen Besatzungssoldaten für jenen Patriotismus zu werben, der sich in der Fähigkeit zum Frieden bewährt. Hans Mayer bekam das Buch in der Schweiz in die Hand, ohne den Autor zu entziffern. "Ich las die Gedichte", schrieb er 1958, "und war ergriffen: nicht bloß von Ernst und Echtheit der politischen Aussage, von der Reinheit der Heimatliebe und dem Haß gegen die faschistische Kriegsmaschinerie. Viel wichtiger war, daß sich diese Klarheit der Gesinnung mit unverkennbarer Dichterkraft verband."

          Als Leonhard dieses Buch schrieb, hatte er vier schreckensvolle Internierungsjahre hinter sich. Bald nach Kriegsausbruch hatte ihn die französische Polizei, der er denunziert worden war, mit vielen anderen deutschen Exilanten als feindlichen Ausländer in Le Vernet festgesetzt, einem Lager am Fuß der Pyrenäen, in das er nach einer mißglückten Flucht ein zweites Mal verbracht wird. Die Haftbedingungen sind schlimm, aber nicht mörderisch, und der Zusammenhalt einer aus vielen Nationen zusammengewürfelten, geistig hochstehenden Häftlingsschar begegnet ihnen mit einer Solidarität, die dem Dichter diese Jahre im Rückblick bei allem Elend als die beste Zeit seines Lebens erscheinen läßt: "In Vernet traf ich die besten Menschen der Welt. Ich habe nie in solcher Harmonie mit anderen gelebt. Es war wie eine Belohnung für alle Kämpfe."

          Das Konzentrationslager als Ort einer Bedrohung, deren Druck eine Gemeinschaft bewirkt, die den einzelnen trägt, schützt, über sich hinaussetzt - Leonhard empfindet diese Situation so stark, daß ihm die Lagerjahre zu dichterisch fruchtbaren werden. In Le Vernet schreibt er das Stück "Geiseln", das nach dem Krieg in Deutschland viel gespielt und dann vollständig vergessen wird; hier entstehen mehr als sechshundert Gedichte, die den Lageralltag beschreiben, anklagen, überhöhen; ein Teil von ihnen, mehr als ein Drittel, ist 1961 von Maximilian Scheer unter der Ägide der Ost-Berliner Akademie der Künste als erster Band ausgewählter Werke veröffentlicht worden.

          In Le Vernet wie in Castres, unter dem Damoklesschwert einer Auslieferung an die deutsche Besatzungsmacht, die dem Todesurteil gleichkam, wächst jenes Traumbuch, das eines der erstaunlichsten Schreibwerke der deutschen Exilliteratur ist. Ein Schläfer, der von jeher sonderlich bilddeutlich zu träumen weiß und seine Nachterscheinungen schon früher zuweilen festgehalten hatte, macht sich daran, Nacht um Nacht beim Erwachen (und er erwacht oft mehrmals) seine Traumbilder in Stichworten festzuhalten, mit Bleistift und im Dunkeln, um sie dann bei Tage ins Reine zu schreiben, präzis berichtend, was ihm vorm inneren Auge gestanden hatte, und Ergänzungen oder Kommentare in Klammern davon absetzend.

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