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Rezension: Sachbuch : Nachtreporter seines Innenlebens

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Nach Paris zurückgekehrt, hindert den fast Sechzigjährigen eine langwierige Erkrankung an der Heimkehr, die er im Sinn hat; als er sie, halb genesen, im April 1950 realisiert, kommt er zur schlechtesten Zeit, mitten in den Kampf gegen den "Formalismus", also die Moderne, den das Moskauer Zentralsekretariat von neuem ausgerufen hat. Inmitten lauter Gesinnungsgenossen sieht er sich in eine Einsamkeit gesetzt, die auch seine Ermunterung zu der neuen Staatsgründung, ein Band namens "Unsere Republik", nicht überwindet.

Anna Seghers hintertreibt, gewiß im Parteiauftrag, die Verleihung des Nationalpreises an ihn, auch keine andere Würdigung wird ihm zuteil; ans Hotelzimmer verwiesen, muß er lange Zeit auf die Zuweisung einer Wohnung warten. Hans Mayer spricht 1958 von dem "bösartigen Treiben", dem Leonhard ausgesetzt gewesen sei; deutlicher noch wird Karl Kleinschmidt, der bei einer Weimarer Tagung das Hotelzimmer mit ihm teilt und von "Nächten ohne Schlaf und ohne Ruh'" berichtet, "in denen er die Qual eines Menschen herausschrie, der keine Heimat in seiner Heimat findet und wie ein Fremder dort behandelt wird, wo er zu Hause ist".

Nur im Kontakt mit jungen Autoren findet dieser Universalpoet mit den strahlenden blauen Augen, der bezwingenden Rede die Selbstbestätigung, welche ihm die Parteilinie vorenthält; im Unterricht der Jungen zündet der Enthusiasmus für eine Sprachheimat, aus der er sich niemals hatte vertreiben lassen. In den späten Gedichten, auf die Bernd Jentzsch 1984 aufmerksam gemacht hat, findet sich das von der Heimkehr in ein Land, dessen Stiefel der Dichter verflucht, dessen Kinder er segnet. Aber auch "Anatomie" findet sich hier, der Hymnus auf den Körper, eine lustvolle Evokation aller Sinne und Organe. Steffen Mensching erwägt, ob Leonhard "über die Libido zum Sozialismus" gekommen sei; sicher ist, daß er, durch Frankreich belehrt, Sozialismus immer auch als eine Kultur der Versinnlichung begriffen hat. Wie allein er mit dieser Botschaft im zerstörten, zerrissenen Nachkriegsdeutschland stehen mochte - in der Generation der Enkel hat sie gezündet; sie kann diesen Dichter als einen der Ihren ansehen.

Rudolf Leonhard: "In derselben Nacht". Das Traumbuch des Exils. Herausgegeben von Steffen Mensching. Aufbau Verlag, Berlin 2001. 527 S., geb., 49,90 DM.

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