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Rezension: Sachbuch : Nachtreporter seines Innenlebens

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Nicht vor in Leonhards Träumen kommt Susanne, seine erste Frau, und nur einmal Wolfgang, der 1921 geborene Sohn, der dem Vater seit langem entrückt war; die Mutter, schon in jungen Jahren eine überzeugte Kommunistin, hatte ihn 1935 in die Sowjetunion in Sicherheit gebracht, wo sie selbst später eine fast zehnjährige Lagerhaft erleidet. Zwei Lastwagen hinterherlaufend, erblickt ihn der träumende Rudolf Leonhard in Berlin auf der Leipziger Straße: "Auf dem einen ist eine winzige bewegliche Puppe mitten unter den Männern, das ist mein kleiner Sohn; er plärrt und will mir nicht die Hand geben." Der Traum endet damit, daß der Vater in ein Café geht und von dem Kellner als Nazispitzel verdächtigt wird; als er das heftig verneint, fällt ihm ein, daß er vielleicht nur als Kommunist überführt werden soll. "Die Kellnerinnen", schließt diese Szene, "gehn schweigend herum."

Es ist nie literaturnäher geträumt worden als auf Vichy-Frankreichs Lagerpritschen von diesem Nachtreporter eines Innenlebens, in dem nichts passiert, indem alles Mögliche passiert, etwa die Verwandlung Torundzyks: "Ich drehe mich nach links und sehe auf: Einige Meter von uns, mitten in einem leeren Raume, steht Torundzyk, hat die Arme vor sich gehoben, stammelt, taumelt, und - ist ganz schwarz! In der Tat: Es ist sein Kopf, aber es ist ein Negerkopf, es ist Torundzyk als Neger, ein Neger, der Torundzyk ist. Wir stehn alle sprachlos." Torundzyk, diese vollkommen poetische Figur, verwandelt sich kraft Menschings Anmerkungen in die eines polnischen Interbrigadisten, der sich 1943 über Afrika und Persien in die Sowjetunion durchschlägt und später in Warschau Generaldirektor im Ministerium für Leichtindustrie wird.

Dieses Traumbuch ist eine Fundgrube nach vielen Seiten, ganz besonders für Psychoanalytiker und Leonhard-Biographen. Ein Autor, der einst an der Front des Expressionismus gestanden hatte, findet als Träumer zu einer Richtung, die er in seinem sonstigen Schreiben vermeidet; als empirischer Surrealist unterläuft er die ästhetische Schranke eines parteilich vorgegebenen Realismus. Allerdings: Leonhard ist in seiner literarischen Arbeit niemals einer Doktrin gefolgt, am wenigsten der eines sozialistischen Realismus. Mit einem Text, der den Essayisten und Kulturhistoriker in hellem Licht zeigt, wendet er sich in der Expressionismus-Debatte, die die in Moskau herausgegebene Exilzeitschrift "Das Wort" 1937 vom Zaum bricht, gegen Alfred Kurella und besteht auf dem historischen Recht des Expressionismus als eines Humanismus der erneuerten Werte, der wiedergewonnenen Kontur, der auf "die Restituierung des Menschen" gedrungen habe.

Als "Homme de lettres, Aufklärer, Sozialist" hat Hans Mayer Leonhard bezeichnet, den "Sanftmütigen aus Lissa" nennt ihn Bernd Jentzsch in seinem großen biographischen Essay von 1984, als "Liebling der Frauen, Zahlenmystiker und Erotomane" steht er Steffen Mensching vor Augen. 1947 kommt dieser Vielerfahrene, der von jeher auch Sprachforscher, ein Wortergründer von Kompetenz und Phantasie, gewesen war, erstmals wieder nach Deutschland und hält auf dem von Ricarda Huch präsidierten Berliner Schriftstellerkongreß eine fulminante Rede über den Sprachverderb, der sich im Gefolge faschistischer Herrschaft über Deutschland verbreitet habe; er attackiert "Unsinnlichkeit, Mangel an Vorstellung, an Phantasie, Modesucht, sklavische Anpassung, Entselbstung, . . . die Gedunsenheit der Worte". Sein Fazit: "Wer falsch spricht, denkt falsch!" wird zum geflügelten Wort des Kongresses; man kann zweifeln, ob es ihm politische Freunde erworben hat.

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