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Rezension: Sachbuch : Nachtreporter seines Innenlebens

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Das Traumbuch des Lagerhäftlings, ein Konvolut von 2507 DIN-A5-Seiten, liegt, nachdem Scheer, Leonhards getreuer Editor, im Jahre 1955 einige Auszüge veröffentlicht hatte, nun erstmals nahezu vollständig im Druck vor, und man erfährt in Steffen Menschings, des Herausgebers, vielseitig-informativem Nachwort auch das Schicksal dieser Blätter, die der Autor im Lager zwischen zwei Holzdeckel festzuschnüren pflegte, um sie besser verstecken zu können. Das Konvolut bleibt im Lager, als ihm im Mai 1943, kurz vor der drohenden Deportation nach Deutschland, mit achtunddreißig anderen Häftlingen der Ausbruch gelingt; zwei französische Freunde verwahren die Hinterlassenschaft und nehmen sie mit in die Freiheit. Mehr als ein halbes Jahrhundert später realisiert der Berliner Aufbau-Verlag jene Großedition, die Bernd Jentzsch schon in den achtziger Jahren anmahnte, und legt gleichsam den fünften Band der von Scheer edierten Schriftensammlung vor: 575 Traum-Notate auf 425 schön gedruckten Buchseiten.

Ist dieses nun endlich vorliegende Traumbuch jenes chef d'oeuvre, das Hans Mayer in seinem grundlegenden Essay von 1958 in Leonhards vielgestaltem Werk vermißte? Der Autor selbst könnte es dafür gehalten haben; mehrere Vorworte samt achtundvierzig Traum-Thesen (Mensching erwähnt sie, ohne sie dem Band einzubeziehen) deuten auf die von ihm geplante Gesamtveröffentlichung. Was ihm in seinem Tage-Werk manchmal fehlt: die Freiheit des Spiels, die Ungebundenheit der Erfindung - im Traum fällt es ihm ganz von selbst zu, und die Prägnanz, mit der er die nächtlichen Bilder festhielt, in einer Sprache, die knapp und fließend, von geschmeidiger Anschaulichkeit ist, mochte von der Vorstellung bestimmt sein, träumend der Dichter zu sein, der er als Wachender nur in Grenzen war.

Der poetische Nachteil ist, daß es wirkliche Träume waren, die hier den Weg aufs Papier fanden; eine empirisch entbundene, nicht die bewußt gestaltende Phantasie führt dem Reporter seines inneren Nachtlebens die Feder. Dabei kommen immer wieder frappante Texte zustande, seien es erotische Szenen, die aus dem Absurden kommen und ins Absurde gehen und sich mit einer sprachlichen Kultur bekunden, die noch dem Heikelsten standhält, seien es politische Pointen, die dem Träumer unvermittelt aufgehen.

Der Schläfer auf der harten Pritsche wird nur ganz selten von Schreckbildern und Angstvisionen heimgesucht. Er träumt sich in ein Freies, das das räumlich und zeitlich Entrückte ist; im Traum erneuert es sich ihm auf kaleidoskopisch verschobene Weise. Die ganze Zeit- und Lebensgeschichte kommt, phantastisch durcheinandergewirbelt, auf diesen Blättern vor; und anhand eines Personenregisters, der dem Band beigegeben ist, kann der Leser nachschlagen, was Leonhard von wem in welcher Lage geträumt hat. Nur je einmal, so zeigt sich, von Lenin und Stalin (beide erscheinen ihm lediglich in Druckerzeugnissen), von Thälmann oder Mussolini, häufiger von Adolf Hitler, mit dem er sich träumend in Gespräche verwickelt, am meisten von Walter Hasenclever, dem Freund, mit dem es im Exil zum politischen und persönlichen Bruch gekommen war. In einem anderen französischen Lager interniert, hatte sich Hasenclever 1940 bei der Annäherung der Wehrmacht das Leben genommen. Häufiger als er kommen dem Träumer nur noch Yvette, seine französische Frau (sie ist es, die ihn dann in Marseille versteckt), und Laura Levysohn, seine Mutter, vor, die in Berlin zurückblieb, als seiner Schwester Charlotte 1939 die Flucht nach England gelang. Vier Jahre später kommt sie in einem deutschen Konzentrationslager ums Leben.

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