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Rezension: Sachbuch : Nachmittage vieler Faune

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Karl Toepfer enthüllt die Nacktkultur der Weimarer Republik

          3 Min.

          "Nichts erregt so tiefe Gefühle wie der Anblick des nackten Körpers." Unter diesem Motto untersucht der kalifornische Theaterwissenschaftler Karl Toepfer zwei kulturelle Bewegungen der Weimarer Republik, die in der Tat für profunde Emotionen sorgten. Nach dem Schock des Ersten Weltkrieges setzte im politisch gedemütigten Deutschland der Weimarer Zeit eine wilde Epoche der kulturellen Experimentierfreude ein. Zwei Massenbewegungen trieben bisweilen groteske Blüten: Die Verfechter der Freikörperkultur glaubten, der sozialen und wirtschaftlichen Misere durch Entkleiden entgehen zu können; die Tanzkunst, insbesondere der Solotanz, bereitete dem elitären Schwanensee-Getrippel ein Ende. Auch die Verbindung beider Elemente - der Nackttanz - löste in vaterländischen und konfessionellen Sittlichkeitsvereinen heftigen Widerstand aus.

          Das erste Viertel des Werkes nimmt eine komprimierte Geschichte der deutschen Nacktkultur ein, die in bedauernswerter Knappheit über Vorkämpfer dieser Bewegung referiert: Hans Suréns und Richard Ungewitters präfaschistische Geheimbünde kommen ebenso zur Sprache wie Adolf Kochs sozialistisches "Nacktkulturparadies" in Berlin. Daß ein Kapitel hier "Feminist Nacktkultur" betitelt ist, darf allerdings als politisch korrekte Geste eines amerikanischen Wissenschaftlers gelten, dem wohl eine Frauenbeauftragte im Nacken sitzt: Eine feministische FKK hat es nie gegeben. Weisen die vielen rhetorischen Fragen im Text dieses Kapitels darauf hin, daß der Autor mit seiner eigenen Darstellung nicht ganz zufrieden ist?

          Der umfangreichere Teil dieser Monographie aber gerät dem Autor außer Kontrolle. Zwar geht er von der bemerkenswerten Hypothese aus, daß Bewegung, nicht Fleisch den Körper nackt macht und daß die Umsetzung dieser Erkenntnis entscheidend für die Entwicklung des weimarischen Modernismus war, doch dann berichtet er uns in allzu großer Detailverliebtheit über Solo Dancing, Pair Dancing, Group Dancing, Theatre Dancing und Mass Dancing, wobei nahezu jede Bewegung berühmter Tänzerinnen wie Isadora Duncan, Valeska Gert oder Mary Wigman untersucht wird. Bizarre Häufungen von ing-Formen ("bending, stretching, raising, sitting" und so weiter) über sechs und mehr Zeilen erhöhen hier das Lesevergnügen nicht. Immerhin geht Toepfer auf Nijinskys berüchtigten Masturbationstanz zu Debussys "L'après-midi d'un faun" im Jahre 1912 ebenso ein wie auf das traurige Schicksal des Tanz-und Ehepaares Walter Holdt und Lavinia Schulz und auf die Eurhythmie-Experimente des Anthroposophen Rudolf Steiner.

          Verdienstvoller als die ermüdende Aufzählung von Tanzbewegungen ist die abschließende Untersuchung des Verhältnisses von Nacktheit und Tanz zu Musik, Literatur und Kunst, insbesondere zur Fotografie. Ausführlich analysiert Toepfer Lotte Herrlichs legendären Bildband "Rolf: Ein Lied vom Werden". Die Aktfotografin Lotte Herrlich war die erste, die auf sportliche oder gymnastische Tätigkeiten als Alibi für Nacktdarstellungen verzichtete. Sie dokumentierte die Entwicklung ihres Sohnes Rolf (der später selbst ein bekannter Fotograf wurde) von frühester Kindheit bis ins Mannesalter in dreißig Aktaufnahmen. Laut Toepfer zeigen diese Bilder von "fast hypnotischer Heiterkeit" aber auch die Problematik des - unverkennbar erotischen - Blickes einer Mutter auf ihren Sohn. Zum Glück jedoch zeigt Toepfer nicht jene billige Entrüstung über vermeintliche Kinderpornographie, die hierzulande zum Verbot mehrerer FKK-Jugendzeitschriften führte.

          Bemerkenswert an Toepfers Forschungen ist - neben dem unbefangenen, oft auch sehr subjektiven Blickwinkel des Autors - die Zusammenfassung der zwei zunächst disparat erscheinenden Themata Tanz und Nacktheit: Denn eben der Nackttanz, in erster Linie von der Zeitschrift "Die Schönheit" propagiert, deren Herausgeber Karl Vanselow Gatte der berühmten Nackttänzerin Olga Desmond war, wurde bislang weder von Untersuchungen der "performing arts" noch von FKK-Forschern ernst genommen. (Die - auch von Toepfer besuchte - Internationale FKK-Bibliothek in Kassel besitzt reichhaltiges Quellenmaterial für weitere Forschungen.) Eindrucksvoll legt der Verfasser auch dar, wie der Tanzpädagoge Rudolf Laban und andere die schwierige Aufgabe lösten, Tanzbewegungen in einer Art Notenschrift (Labanotation) zu fixieren, was auch aus urheberrechtlichen Gründen wünschenswert war.

          Leider erweist sich die Bibliographie als lückenhaft: Zwar ist die richtungweisende Monographie "Wir sind nackt und nennen uns Du" verzeichnet, es fehlt jedoch etwa Fankhausers Bildband "Nacktheit vor Gericht", ein Standardwerk zur FKK der zwanziger Jahre. Auch der Index läßt zu wünschen übrig, da er zwar (aus amerikanischem Lokalpatriotismus?) Mickey Mouse verzeichnet, nicht jedoch den in diesem Zusammenhang viel wichtigeren Monte Verità bei Ascona, ein Zentrum der frühen "Lebensreform"-Bewegung. Besonders für den deutschen Leser störend wirken auch die durchgehend grotesk falsch zitierten deutschsprachigen Namen und Titel: Da gibt es den Komponisten "Christoph Wilobard Glück" und einen Roman von Dumas fils namens "Kamellendame". Dem englischsprachigen Leser wiederum werden Erläuterungen zu solchen unübersetzt gebliebenen Wendungen wie "Nacktkultur" oder "Ausdruckstanz" fehlen.

          Das stilistisch über weite Strecken brillante Werk hat auch im deutschen Sprachraum Aufmerksamkeit verdient; die vom Autor in der Einleitung angekündigte fortführende Monographie über "Germanic Body Culture" darf mit Spannung erwartet werden. Die "Erforschung, warum der nackte Körper nicht umhinkann, hochambivalente emotionale Reaktionen auszulösen", steht erst an ihrem Anfang. THOMAS FISCHER

          Karl Toepfer: "Empire of Ecstasy". Nudity and Movement in German Body Culture, 1910-1938. University of California Press, Berkeley 1998. 439 S., Abb., geb., 40,- brit. Pfund.

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