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Rezension: Sachbuch : Nach den Schlachten

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          7 Min.

          Endlich liegt die Autobiographie des polnischen Schriftstellers Aleksander Wat, wenn auch gekürzt, in deutscher Sprache vor, dazu in einer ausgezeichneten Übersetzung. "Mein Jahrhundert", wie der Titel des 1977 in London publizierten Werkes ursprünglich heißt, darf in einem Atemzug mit anderen großen Werken der Lagerliteratur, wie etwa Jewgenia Ginsburgs Erinnerungen, oder, wie Wat selbst es tut, im Zusammenhang mit Alexander Herzens "Erlebtes und Gedachtes" genannt werden.

          Aleksander Wat, im Jahre 1900 in Warschau in einer jüdischen Familie geboren und 1967 im Pariser Exil gestorben, war schon zu Lebzeiten eine Legende. In seinen literarischen Anfängen Dadaist-Futurist, der durchaus "mit der Axt" zu schreiben verstand, Aktivist der Boheme im Warschau der wilden zwanziger Jahre, als Redakteur des einflußreichen "Literarischen Monatsblatts" und als Lektor bei Gebethner und Wolff fast eine Institution, nach Kriegsbeginn im sowjetisch besetzten Lemberg vom NKWD verhaftet und in die Sowjetunion deportiert, Odyssee durch den GULag, 1946 Rückkehr nach Polen, ab 1958 zusammen mit seiner Frau Ola ein Leben als Halbemigrant in Südfrankreich und Italien führend. 1964 war er auf Einladung des Center for Slavic and East European Studies nach Berkeley gekommen, wo im milden kalifornischen Klima nicht nur sein psychosomatisches Leiden gemildert werden, sondern auch die Arbeit an seinen Erinnerungen in Gang kommen sollte.

          In Berkeley war Wat auf seinen Landsmann Czeslaw Milosz getroffen, den Autor einer brillanten Studie über die Intellektuellen und den Kommunismus und späteren Literatur-Nobelpreisträger. Daß Wats Memoiren zustande kamen, ist dieser Begegnung zu verdanken. Milosz gelang es, den unter einer schweren Schreibblockade leidenden Wat zum Sprechen zu bringen. In rund vierzig Gesprächen, die später in Paris fortgesetzt wurden, berichtete Wat von seinem Jahrhundert. Daß aus den Tonbandaufzeichnungen dann ein so bedeutendes Buch wurde, hat nicht nur mit der gründlichen Redaktion des Textes zu tun, sondern damit, daß die Gesprächspartner Eingeweihte waren; sie verstanden sich trotz der unterschiedlichen Generationszugehörigkeit auf Anhieb, sie erörterten Fragen, über die andere in der Regel nur zu rechten pflegten. Sie waren beide sozusagen Experten des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Im Zentrum der Erinnerungen steht die Zeit zwischen 1939 und 1945. Es ist komprimierte Zeit, ein mitteleuropäisches Menschenschicksal im Zeitraffer, eine Lebensgeschichte in dem von Hitler und Stalin beherrschten Europa, aus dem es kein Entkommen gab und wo Entkommen oft gleichbedeutend war mit Untergang. Die Folge der Gespräche ist nicht strikt chronologisch an den Stationen Warschau-Lemberg-Kiew-Lubjanka-Saratow-Kasachstan orientiert. Die große Frage, die immer wieder durchbricht und das Gespräch in Gang hält, ihm einen eigentümlichen drive verleiht, ist natürlich die nach dem Warum. Wie kam die Intelligenzija in den Sog des Kommunismus? Was waren der Kommunismus, Bolschewismus überhaupt? Was spielte sich eigentlich in den dreißiger Jahren in Sowjetrußland ab?

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