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Rezension: Sachbuch : Mythologien

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Briefe von Ernst Jünger und Carl Schmitt · Von Lorenz Jäger

          In dem Roman "Der Junker von Ballantrae" schildert Robert Louis Stevenson einen Bruderkampf. Die beiden stehen auf den feindlichen Seiten einer Bürgerkriegsfront: der erstgeborene James auf der des jakobitischen Kronprätendenten "Bonnie Prince Charlie", Henry auf der von König Georg II. Ein furchtbarer Bruderhaß ist das Resultat, ein Verhängnis, das am Ende beide mit sich reißt. Bertolt Brecht las das Buch 1925 und bewunderte die Technik, mit der ein Mann aus dem Blickpunkt eines Mißgünstigen geschildert wird: "Diese Lebensbeschreibung hat der Feind geschrieben." Walter Benjamin empfahl kommentarlos den "Junker" 1934 seinen emigrierten Freunden. Und am 23. August 1931, als in Deutschland die politische Zerrissenheit den höchsten Grad erreicht hat, meldet Ernst Jünger an Carl Schmitt, er habe den Roman "mit großer Spannung" gelesen. Nur eine einzige Darstellung kenne er, mit der der "Junker" zu vergleichen sei: "Das Faß Amontillado" von Edgar Allan Poe. Bürgerkrieg und Terror haben in die literarische Geschmacksbildung Einzug gehalten.

          Der Briefwechsel der beiden Rechtsintellektuellen beginnt im Krisenjahr 1930 und endet im Juli 1983. Nach einer großen Pause in den sechziger Jahren, als die Freundschaft erschöpft schien, schwingt er in den letzten Jahren in Alters- und Sterbensreflexionen weit aus, und man wird ihn deshalb zu den glücklichen Korrespondenzen zählen dürfen, trotz nagender Bitterkeit gegenüber seinem Briefpartner, die aus Schmitts Aufzeichungen des "Glossariums" spricht. Wenn der eine Spannungsbogen der Korrespondenz vom Weltbürgerkrieg und seinen Vernichtungsprogrammen gebildet wird, so ist der andere durch die Frage bestimmt, welche Erkenntnisse der Mythos noch bereithält.

          In der ersten Nachkriegszeit realisiert vor allem Jünger den Abstand zu einer Welt, deren Selbstverständnis nunmehr von der Wissenschaft geprägt ist. Er schreibt ein Werk über die Astrologie - "An der Zeitmauer" -, zu dem ihm Schmitt fachkundigen Rat gibt. In den siebziger Jahren finden sich zahlreiche Briefe, in denen der mythenfreie Zustand der technischen Welt am Beispiel der Verkehrstoten verhandelt wird. Jünger verliert Freunde bei einem Flugzeugabsturz. Man muss an Andy Warhols Serie der "Car Crash"-Bilder denken, um die Aktualität dieser Briefe zu erkennen.

          Zu Beginn der Korrespondenz trat Jünger als Denker des Krieges auf. "Der Rang eines Geistes wird heute durch sein Verhältnis zur Rüstung bestimmt", schrieb er an Schmitt, nachdem er dessen "Begriff des Politischen" empfangen hatte. Und die Lektüre des katholischen Rebellen Leon Bloy, in der sich beide treffen, wird von Jünger genauer akzentuiert: "Ich bin gerade dabei, die Kriegserinnerungen von Bloy zu lesen; sie sind deshalb aufschlussreich, weil er sich auf diesem Gebiete weniger gut verbergen kann." Aber es ist eben dieses kriegerische Standesempfinden, das mit seinem eigenen Ethos Jünger eine unabhängige Position gegenüber dem Nationalsozialismus ermöglicht, ihn immunisiert.

          Schmitt dagegen identifiziert sich mit dem neuen Regime. 1934 schreibt er nach dem "Röhm-Putsch" die berüchtigte Abhandlung "Der Führer schützt das Recht". Welche Konflikte danach auftraten, lässt sich nur indirekt erschließen: "Die zunehmende Politisierung und die wachsende Bösartigkeit des Gespräches waren für mich, obwohl nicht unerwartet, doch recht aufschlussreich", schreibt Jünger nach einem Treffen im November 1934. Der zweite große Konflikt, der in der Nachkriegszeit einsetzt, betrifft die "Exterminierung der Juden" (Jünger am 10. Februar 1945). Schmitt hat sich hier zu klaren Einsichten nie bereit finden können und Jüngers literarische Schilderung der verfolgten "Parsen" in dem Roman "Heliopolis" mit einem Spott übergossen, der die Freundschaft an den Rand des Bruchs führte.

          In dem Verständigungscode der Briefe fehlt jede Erwähnung der offiziösen deutschen Literatur der Zeit. Schmitt erinnert Jünger an Theodor Däubler und an den Katholiken Konrad Weiss. Es sind esoterische dichterische Positionen, auf die sein definierendes Ingenium angewiesen war. Einmal erwähnt Jünger ein Gespräch mit Hans Grimm. Ansonsten ist es ausschließlich die internationale Moderne, die verhandelt wird: Malraux, Wittgenstein, Michaux, Hemingway, Céline; immer wieder auch die dekadenten Phantasten der Grausamkeit.

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