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Rezension: Sachbuch : Mutter Natur nährt auch die Kunst

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Thomas DaCosta Kaufmann aber läßt seine Leser hungrig nach mehr Details zurück

          4 Min.

          Von dem in Princeton lehrenden Kunsthistoriker Thomas DaCosta Kaufmann weiß man, daß er in den gemeinsam mit dem Historiker Anthony Grafton veranstalteten Seminaren vornehmlich Texte untersucht, während Grafton die Kunstwerke analysiert. Den anschaulichen Qualitäten der Kunst scheint DaCosta Kaufmann zu mißtrauen, er liest die Kunstwerke als Zeugnisse einer Kulturgeschichte, deren gesellschaftliche Dimensionen rekonstruiert werden müssen. Epochen- und Landesgrenzen spielen dabei nur dann eine Rolle, wenn sie historisch bestimmbar sind. So darf es als durchaus konsequent gelten, daß DaCosta Kaufmann in seinem letzten Buch die konventionellen Epochengrenzen zwischen Renaissance und Anciem régime wählte und mit "Mitteleuropa" den Herrschaftsbereich der frühen Neuzeit zum Ausgangspunkt nahm, der bis zum Entstehen der modernen Nationen die alten Habsburgerlande, das Heilige Römische Reich und die Königreiche Polen, Ungarn und Böhmen umfaßte. Im englischen Original wird dieses Gebiet als "Central Europe" bezeichnet. Man hätte diese Benennung ruhig auch für die deutsche Ausgabe übernehmen sollen, anstatt den unter Historikern umstrittenen und häufig politisch mißbrauchten Terminus "Mitteleuropa" zu verwenden.

          Überhaupt differiert die deutsche Übersetzung, die jetzt in einer preisgünstigen Sonderausgabe erschienen ist, erheblich vom Originaltext, und das nicht nur, wenn etwa der aus der italienischen Kunsttheorie stammende Begriff "Concetto" mit "Konzetto" wiedergegeben wird. Die Übersetzung vereinfacht die Gedankengänge des Autors in erheblichem Umfang, beispielsweise wird aus der spätgotischen Schloßkirche Blutenburg, die DaCosta Kaufmann als ein "Paradigma of German Visual Culture" wertet, eine "ausgeschmückte kleine Kirche".

          Um eine Kunstgeschichte dieses Gebietes in dem atemberaubend weit gespannten Zeitrahmen zwischen 1450 und 1800 schreiben zu können, gliedert DaCosta Kaufmann den Stoff einem entwicklungsgeschichtlichen Raster entlang anhand der wesentlichen Patronagekreise - der Höfe, Klöster und Städte - sowie aktueller Themen der Forschung, darunter die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Reformation und Kunst, das Problem der Renaissancerezeption, der "Kunstkammern als Phänomen" und "die Kunst im Dreißigjährigen Krieg". Nicht das einzelne, zunächst isoliert erscheinende Kunstwerk dient ihm als Ausgangspunkt, er versucht vielmehr, auf der Grundlage und in bester Kenntnis der historischen Ereignisse eine Sicht auf die Geschichte der Kunst zu schildern, bei der wissenschaftliche Standarderkenntnisse zu Leitbildern geworden sind. So gelten die "Etablierung von Renaissanceformen als Prestigeangelegenheit", "Kunstkammern als Spiegel des Universums in allen seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen", die unter dem Thema Stadt rubrizierte bürgerliche Kunstförderung "als Versuch einer Nobilitierung durch Kunst", jesuitische Kunst als "Propagandakunst" und, wer hätte es anders vermutet, die Rokokokirchen als "Gesamtkunstwerk". Dieses Vokabular entstammt dem gängigen kunsthistorischen Jargon, mit ihm gelingt es DaCosta Kaufmann, das Grundwissen der Kunstgeschichte einer zentralen Region Europas zum konzisen Überblick zu kondensieren und damit weit mehr als nur die englischsprachige Welt zu erreichen, der nach DaCosta Kaufmann die Gegenstände "weitgehend unbekannt" sind.

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