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Rezension: Sachbuch : Moral als Fango-Packung

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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, die wache Vernunft hingegen wirkt Taten der Güte. Allein das Gute ist nach klassischer philosophischer Überzeugung vernunftgemäß, und weil die Philosophie sich als die Wissenschaft vom Vernünftigen versteht, spricht sie weitaus lieber vom Guten als vom Bösen. Freilich ...

          Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, die wache Vernunft hingegen wirkt Taten der Güte. Allein das Gute ist nach klassischer philosophischer Überzeugung vernunftgemäß, und weil die Philosophie sich als die Wissenschaft vom Vernünftigen versteht, spricht sie weitaus lieber vom Guten als vom Bösen. Freilich ist den Philosophen nicht verborgen geblieben, daß Gut und Böse wie alle echten Feinde zugleich in einem prekären Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit voneinander stehen. Worin findet der Gütige die Bestätigung seiner Tugend, wenn nicht in dem Befund, daß seine Umwelt nicht so verfeinert ist wie er selbst, sondern täppisch, grobschlächtig, ja häufig monströs? Was wäre die Jungfrau ohne den Drachen, dem sie sich hinopfern kann? Das Böse mit der moralphilosophischen Tradition als ein rein defizitäres Phänomen, als einen Mangel an Gutem zu fassen wird seiner systematischen Gleichrangigkeit mit diesem ebensowenig gerecht wie seiner überwältigenden lebensweltlichen Präsenz. Auch die Monstren müssen endlich dem vollen Licht der philosophischen Aufklärung ausgesetzt werden. Dieser Aufgabe widmet sich Colin McGinn, Professor an der Rutgers University, in seinem neuesten Buch, dessen englischer Originaltitel "Ethics, Evil, and Fiction" die Fokussierung auf das Phänomen des Bösen noch deutlicher zum Ausdruck bringt als der deutsche Titel "Das Gute, das Böse und das Schöne".

          In einer anderen Hinsicht ist allerdings der deutsche Titel der präzisere. Anders als man es von einem prominenten Vertreter der analytischen Philosophie erwarten würde, beschränkt McGinn sich nicht darauf, geradewegs vom Guten und Bösen zu reden. Vielmehr verknüpft er beide Begriffe mit einem der Ästhetik entlehnten Vokabular. Tugend, so erfährt der überraschte Leser an einer zentralen Stelle des Buches, fällt mit Schönheit der Seele zusammen und Laster mit Häßlichkeit der Seele. Diese definitorische Festsetzung befördert McGinn rasch in den Rang einer Theorie; er beansprucht, nichts Geringeres vorgelegt zu haben als die "Ästhetische Theorie der Tugend". In der Gleichsetzung von Tugend und Schönheit sowie von Laster und Häßlichkeit mag man eine metaphorische Umschreibung der genannten moralphilosophischen Grundbegriffe sehen: inhaltlich redundant, aber literarisch ansprechend. McGinns Ambitionen gehen allerdings erheblich weiter; nicht umsonst ernennt er Platon zum Stammvater seiner Konzeption. Der von ihm vorgenommenen Gleichsetzung kommt nach McGinn eine ontologische Qualität zu: Die tugendhafte Seele ist wirklich schön, die lasterhafte Seele wirklich häßlich.

          Es gelingt McGinn jedoch nicht, den Begriffen der moralischen Schönheit und Häßlichkeit irgendeinen greifbaren Sinn beizulegen. Wie sollte dieser auch aussehen? Äußere Schönheit kann nicht gemeint sein; Quasimodo ist ein Ausbund an Häßlichkeit. Und innere Schönheit mögen Wellness-Farmen ihrer gestreßten Kundschaft anpreisen, wohlwissend, daß sie damit alles und nichts versprechen - aber ist die praktische Philosophie eine Fango-Packung? Auch McGinns Hinweis, daß wir uns häufig ästhetischer Begriffe bedienen, um damit moralische Werturteile zum Ausdruck zu bringen, vermag seine Sache nicht zu retten. Ist es eine ontologische Aussage, wenn ich sage, daß ich den intriganten Herrn Fachkollegen nicht riechen kann? McGinn arbeitet hier mit vagen Assoziationen, ohne auch nur in die Nähe einer derart anspruchsvollen Metaphysik zu gelangen, wie er sie vorlegen müßte, um seine ontologische These plausibel zu machen.

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