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Rezension: Sachbuch : Mit Zorn und Fernstudium

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Überraschend neu und modern soll sie sein und "die seit Jahrzehnten erste große Lessing-Biographie". Die großen Lessing-Monographien, die von Danzel-Guhrauer und Erich Schmidt, erschienen im neunzehnten Jahrhundert. Größte Vollständigkeit und Genauigkeit, Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit, "entsprungen ...

          Überraschend neu und modern soll sie sein und "die seit Jahrzehnten erste große Lessing-Biographie". Die großen Lessing-Monographien, die von Danzel-Guhrauer und Erich Schmidt, erschienen im neunzehnten Jahrhundert. Größte Vollständigkeit und Genauigkeit, Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit, "entsprungen aus Liebe und Bewunderung für den Heros" - so lautete das Ethos jener Gelehrten, die man heute gern als Positivisten belächelt. Sie forderten umfassende Kenntnis des Materials, wollten aber nicht nur "Erweiterung der Kenntnis", sondern "Erkenntnis" (Danzel). Und sie wußten, wem sie dienten, dem "Herold des humanen Weltbürgertums", dem "Schutzheiligen der Geistesfreiheit" (Erich Schmidt).

          Ein Selbstbewußtsein solchen Kalibers ist der heutigen Lessing-Forschung längst abhanden gekommen. Ins Partikulare und Hochdifferenzierte getrieben und vornehmlich an Interpretation interessiert, scheut sie den integralen Zugriff. Schon Heinrich Schneiders "Biographische Studien" (1950) ließen erkennen, daß Neuigkeiten zu Lessings Biographie nur unter größter Mühsal zu haben sind. Die letzte bedeutende Leistung der Lessing-Biographik gelang Dieter Hildebrandt mit seiner "Biographie einer Emanzipation" (1979), gearbeitet mit schriftstellerischer Eleganz, getragen noch von dem Glauben an das emanzipatorische Potential ihres Gegenstandes. Seitdem greift gar die bange Vermutung um sich, daß Lessing womöglich ein "Leben ohne Biographie" (Horst Steinmetz) geführt habe, daß die eherne Sachlichkeit seiner öffentlichen Äußerungen ein gescheitertes privates Ich geradezu verberge.

          Willi Jasper hat Mut und hält sich deshalb mit Rechtfertigungen und dem Stand der Lessing-Forschung nicht lange auf. Er nähert sich einem "unheimlichen" Klassiker, der "Tragik einer mutigen Existenz", die in Deutschland "ohne Nachfolge blieb", wie es Hugo von Hofmannsthal formulierte. Zwei Stoßrichtungen sind damit vorgegeben. Die eine zielt auf die Spannungen, Brüche und Widersprüche in Lessings Existenz, die andere auf die "deutsche Misere", die dafür zeitlebens verantwortlich war und dann auch noch die Geschichte seiner Wirkung ruinierte. Der "Aufklärer und Judenfreund" hatte in Deutschland keine Chance und mußte mit seinem Lebensglück und dem Scheitern seiner Botschaft bezahlen. Das unerbittlich düstere Szenario verwandelt Jaspers Buch über weite Strecken in eine Anklageschrift, die auf den Ton der "Irascibilität" gestimmt ist. Ob der dem Erkenntniswert einer Biographie gut bekommt, ist eine andere Frage.

          Schönredner wie Herder, Friedrich Schlegel oder Goethe sind diesem Ansatz zufolge von vornherein unglaubwürdig und müssen sich derbe Abfuhren gefallen lassen. Schlegel ertappt Jasper bei dem bekannten Wort von Lessings "dreister Selbständigkeit", das sei "ehrfurchtsvoll und schaudernd zugleich" - vielleicht aber nur deshalb, weil der strenge Betrachter die zeitgenössisch positive Bedeutung von "dreist" nicht wahrnimmt.

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