https://www.faz.net/-gqz-6pt8v

Rezension: Sachbuch : Mit Zorn und Fernstudium

  • Aktualisiert am

Aber alle Äußerungen Goethes über Lessing lassen doch Respekt und Verehrung erkennen? Tut nichts, denn hat Goethe nicht einmal von der "polemischen Natur" Lessings gesprochen und sie gegen das eigene Naturell abgesetzt? Nur hartnäckige Erregung kann ihm das Wort im Munde umdrehen: "Hämisch" sei das, ein "Attest der Abweichung von der Norm", mithin Ausgrenzung des Aufklärers. Insbesondere Goethes "Zynismus" hat es solcher Empörung angetan. Lessing hatte dem Autor des "Werther" ein Schlußkapitelchen vorgeschlagen - "je cynischer je besser". Im Nu wird daraus der "Vorwurf des Zynismus", den Jasper auf eigene Faust auch noch zum gewissenlosen, "unverhohlenen Sarkasmus" zu steigern weiß - ausgerechnet bei der Lektüre von Goethes berühmtem (und anrührendem) Kondolenzbrief an Zelter, als dessen Sohn Selbstmord begangen hatte. Erst Goethe und mit ihm Schiller haben mit der Weimarer "Nathan"-Aufführung von 1801 die Bühnenlaufbahn des Stückes eröffnet? Infameres hätten sie nicht tun können. Um ein Viertel kürzte der "devote" Schiller den Text, beflissene Auslieferung der Lessingschen Botschaft an die Weimarer Verharmlosungsästhetik, Unterminierung auch gleich noch der "Erziehung des Menschengeschlechts" durch "ästhetische Erziehung". So zerstörten die Weimarer die Wirkungsgeschichte des "Nathan". Den Ruin aber besorgte Goethe mit "Faust" und dem Faustischen, einem gezielten "Gegenentwurf" gegen den "Nathan"! Abwegiger geht es nicht.

Jasper hat ein zorniges Buch geschrieben, das die Provokation sucht. Warum nicht? Aber das neue, harmonisierungsresistente Lessing-Bild, das dabei herauskommen soll, ist ein Meinungsbild auf unsicherem Grund. Mit Streifzügen durch Lessings Leben und Welt, die das Material und die Resultate ausgewählter Vorgänger durchweg nur um Verdachtsmomente und Skandalisierungen ergänzen, mit eiligen Spekulationen, die der Kontrolle philologischer Standards nur allzuoft entlaufen, mit einem kaum gebremsten Furor des Urteils und Vorurteils, der die eigene Recherche durch Machtsprüche ersetzen möchte, ist die verheißene neue und dazu "große" Lessing-Biographie nicht zu haben.

Willi Jasper: "Lessing. Aufklärer und Judenfreund". Biographie. Propyläen Verlag, München 2001. 471 S., geb., 48,90 DM.

Weitere Themen

„Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

Topmeldungen

Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.