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Rezension: Sachbuch : Mit Zorn und Fernstudium

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Neues über Lessings merkwürdige italienische Reise hat Jasper, sieht man von der genannten Entlarvung der Motive einmal ab, nicht mitzuteilen. Vom Kopfschütteln über die dürren Erträge und den unlustigen Reisenden hält er nichts. Gern folgt man der Beschreibung von Lessings Aufenthalt in Livorno, einem "Paradies der Juden", und den möglichen Begegnungen mit bedeutenden Repräsentanten des Judentums. Man atmet auf: endlich ergiebige Recherchen und neue Quellen. Sie stammen nun freilich samt und sonders von Lea Ritter Santini, die es mit ihrem Wolfenbütteler Ausstellungsprojekt von 1993 verstanden hatte, aus den spärlichen Reisedokumenten blühende italienische Landschaften hervorzuzaubern. Eine Pointe gewinnt Jasper dem Verhältnis Lessings zu Amerika ab, das er mit Heinrich Schneider darlegt. Warum gibt es von Lessing keine "offizielle Stellungnahme der Entrüstung" über den Braunschweiger Subsidienvertrag von 1776 und den Menschenschacher, der sich in seiner Umgebung ereignete? Die Antwort: Lessing interessierte sich für die jüdische Abkunft bestimmter Indianerstämme, konnte deshalb nicht für die missionierenden amerikanischen Siedler Partei ergreifen, erhoffte statt dessen von den braunschweigischen Offizieren "eine gewisse aufklärerische Funktion in Amerika"!

Die Balance von Leben und Werk gehört verständlicherweise zum hergebrachten Programm einer Biographie. Nicht so in diesem Falle. Es dürfte keinen Lessing-Biographen geben, der mit den Werken und Schriften Lessings so interesselos umgeht wie Jasper. Geschlossene Werkbesprechungen werden ausgespart. Der "Samuel Henzi" wird überraschend aus seinem fragmentarischen Status befreit und in Berlin "abgeschlossen". Die "Emilia Galotti" führt gleich zur Kapitulation: schlechthin unverständlich, ein Beispiel für die "sperrigen Irrationalismen" ihres Autors. Der "Philotas" - eine "wilde Dramenskizze" - spiegele Lessings innere Verfassung von 1759 und nehme Breslau vorweg - geschrieben wurde er aber schon 1758. Die Wolfenbütteler Reimarus-Fragmente werden auf 1774 und 1777 datiert und falsch zugeordnet - das letzte und provozierendste kam 1778 heraus; Lessings "Gegensätze" sind bloßes Scheingefecht. Die "Erziehung des Menschengeschlechts" geht nicht einfach als "Vermächtnis" Lessings durch, muß sich vielmehr noch einmal die vage These vom Koautor Albrecht Thaer gefallen lassen (der auch das erste Spinoza-Gespräch mit Lessing geführt haben soll). Daß der "Werther" einen "bedauernswerten Rückfall" in den Sturm und Drang darstelle, hat man so auch noch nicht gehört. Die philologischen Sekundärtugenden haben es in diesem Buch nicht leicht.

Entschlossen bekämpft Jasper dagegen den großen Unheilstifter, die deutsche Misere. Wie sie ihre fatalste Ausprägung, den Antisemitismus, hervorbringt, beschreibt er in dem längsten und informativsten Kapitel seiner Biographie am Beispiel Moses Mendelssohns und seiner Freundschaft mit Lessing. Ein Bündnis von deutscher Aufklärung und Haskala war die Hoffnung, die früh zuschanden ging. Die Hauptschuldigen werden bald dingfest gemacht. Es sind die deutschen "Mandarine" und Meisterdenker, an ihrer Spitze der "Staatsdichter" Goethe. Denn der vermeintliche Feind der Aufklärung ist deshalb auch ein (vielleicht sogar antisemitischer) Feind Lessings. Da ist sie wieder, die zornige Kombinatorik dieses Biographen, die sich durch nichts von ihren Vorurteilen abbringen läßt.

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