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Rezension: Sachbuch : Mit Zorn und Fernstudium

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Selbst den Malern mag Jasper nicht glauben. Ein "pausbäckig-freundlicher" Lessing, wie ihn die Bilder von May und Graff zeigen? Da kann nur mangelnder Realismus im Spiel sein, den man "entlarvt", wenn man Goethes Bemerkung über den Anachronismus des "Modecostüms" in Anschlag bringt - allerdings "moniert" Goethe nicht einen Fehler des Malers, er spricht aus dem Abstand von Jahrzehnten, als er das May-Porträt in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte (und erst nach Androhung eines gerichtlichen Verfahrens zurückgab). Kleine Mißgriffe, gewiß, aber schon sie verraten, wie der zornige Blick die ihm genehmen Befunde erzwingt.

Die Lebensstationen Lessings durchläuft Jasper, wie sollte es anders sein, im Anschluß an das gut Bekannte. Die schüchterne Rede von den terrae incognitae ist freilich seine Sache nicht. Sie werden im Handstreich erobert. Lessing und die Frauen? Von Klaus Maria Brandauer läßt sich Jasper bescheinigen, daß "der Lessing mehr als zwei Frauen" hatte. Natürlich die Lorenzin aus der Leipziger Studienzeit, doch gab es auch Breslauer und Hamburger Amouren - Namen fallen, Nachweise sind überflüssig.

Über Sara Sampson und Emilia Galotti, die Opfer des Patriarchalismus, arbeitet sich Lessing zur emanzipierten Minna vor (die Chronologie zählt nicht) und damit aus der Literatur ins Leben, zu Eva König. Die freilich bekommt es mit einer Konkurrentin zu tun, Ernestine Reiske, die, sonst "diskret behandelt oder erhaben belächelt", hier endlich ernst genommen wird. Aber das hatte schon längst Heinrich Schneider getan. Nur hütete sich der Quellenkundige vor Folgerungen, die Jasper umstandslos von der Hand gehen: die "Not der Gefühle, sich zwischen zwei Frauen entscheiden zu müssen", trieb Lessing nach Italien (außerdem aber auch eine geradezu mellefontische Ehescheu). So einfach ist es, dem spröden Lessing auf die Schliche zu kommen.

Manches Rätsel gibt die Breslauer Zeit Lessings und sein Engagement beim General von Tauentzien auf. Wer es gewohnt war, dabei an eine einigermaßen glückliche Periode zu denken, muß sich sagen lassen: Lessing war auf einem "Irrweg", den Jasper mit der zunächst dunklen Formel "Prophetenschmerz und Soldatenglück" bezeichnet. Zum Soldatenglück gehört natürlich das Glücksspiel, man weiß es. Worum sich die Literaturwissenschaft aber bedauerlicherweise nicht gekümmert hat (Jasper liebt diese vorwurfsvolle Wendung), sind die Finanzspekulationen, in die Lessing gemeinsam mit seinem General verwickelt gewesen sein soll. Tauentzien war verantwortlich für die "Münzverschlechterung", mit der Preußen die enormen Kriegskosten auszugleichen suchte, ein einträgliches Geschäft, und sein Sekretär war beteiligt. Zwei amtliche Briefe zeigen, daß er Bescheid wußte. Außerdem kam Lessing als "Makler" zwischen Breslau und Berlin in Frage, kannte er doch den jüdischen Münzpächter Veitel-Heine Ephraim persönlich. Lessing ein Kriegsgewinnler? Erklären sich so die Geldmittel, über die er in Breslau verfügte? Jasper weiß den Verdacht zu wecken, obwohl die Beweislage dünn bleibt. Jedenfalls führte Lessing in Breslau ein "Doppelleben". So gesellt sich zum Soldatenglück der Prophetenschmerz. Und damit sind wir beim "Laokoon", denn der Prophet ist niemand anders als der unglückliche trojanische Priester, und Lessing ist Laokoon, da er ebenso leiden mußte. Noch mag man seiner Wahrnehmung nicht recht trauen, da muß man obendrein noch lesen, daß der "Kunstrichter" Lessing zum ästhetischen Problem "wenig beizutragen" habe. Der "Laokoon" enthüllt vielmehr sein "eigenes Seelendrama", basta. Die armen Interpreten, die sich am "Laokoon" so scharfsinnig abgearbeitet haben - sie haben nichts verstanden.

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