https://www.faz.net/-gqz-6qkzj

Rezension: Sachbuch : Mit Wagner in der Linkskurve

  • Aktualisiert am

Beziehungszauber: Hans Mayers Annäherungen an Bayreuth

          5 Min.

          Wer, wie bei einer inkompetenten Kriminalromanlektüre, zuerst die letzten Seiten des Buches aufschlägt, muß bald verstört wirken. Wolfgang Hofer, der Herausgeber der gesammelten Arbeiten Hans Mayers zu Richard Wagner, gönnt sich selbst rund sechzig Seiten des Bandes. Auf nur neun Seiten würdigt er die Arbeiten des Herausgegebenen. Die folgenden fünfzig Seiten sind eigene Beiträge Hofers zum Thema "Richard Wagner", als "dialektische Fußnoten" zu Hans Mayers lebenslanger Beschäftigung mit Wagner unzureichend camoufliert. Im Vergleich mit der Klarheit, die den Essayisten Mayer auszeichnet, wird man Hofers Ausführungen, mit einem Lieblingsausdruck Eckhard Henscheids, nur "verschwurbelt" nennen können. An dem Erinnerungsband Mayers "Zeitgenossen" wurde in dieser Zeitung das Problem der "Klitterung" bereits früher, zum Teil mehrfach erschienener Texte angesprochen - mit einer für Hans Mayer und für den Suhrkamp Verlag positiven Bilanz. Immerhin war ein Drittel der Texte neu. Im vorliegenden Fall sind alle Texte alt. Für die Virtuosität der Mehrfachverwertung mag ein Beispiel genügen: Der "Meistersinger"-Essay "Parnaß und Paradies" wurde 1979 in München als Vortrag gehalten und erschien gleichzeitig als Programmheft-Beitrag. Zwei Jahre später fand er sich in einem Bändchen Mayers mit dem Titel "Versuche über die Oper" wieder und erscheint nun in "Richard Wagner" (schon vorher hatte es zwei Sammlungen der Wagner-Beiträge Mayers gegeben. "Anmerkungen zu Richard Wagner" 1966 und "Richard Wagner. Mitwelt und Nachwelt" 1978).

          Gerade aber dieses Beispiel zeigt, daß Hans Mayer mit anderen uns wohlbekannten Virtuosen des intellektuellen Recyclings nicht über einen Kamm zu scheren ist. Denn "Parnaß und Paradies" ist ein glänzender Essay und zusammen mit Ernst Blochs Arbeit über Beckmessers Preislied einer der wesentlichen Beiträge zur Erkenntnis dieser Oper. Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein, hieß es einmal werbemäßig. Es ist unmöglich, Hans Mayer gram zu sein, auch wenn man ihn zum zweiten Mal liest (und kauft). Denn fast immer belehrt und bereichert er unsere Kenntnisse und Einsichten, so auch in diesem Fall. 1953 erschien Mayers erste Studie zu Wagner in der Zeitschrift "Sinn und Form", von Peter Huchel und Brecht gegen Alexander Abusch durchgesetzt. Sie eröffnet den neuen Band. Von ihr ausgehend bis zum letzten Beitrag über "Parsifal" von 1992 umspannt das Buch einen Zeitraum von vierzig Jahren. Die frühe Studie ist geprägt vom politischen Standpunkt des jungen und mittleren Hans Mayer; sie interpretiert Wagner von Georg Büchner und Feuerbach her und hebt den Revolutionär von 1848 hervor. Für die späteren Wandlungen Wagners wird der negative Einfluß Cosimas verantwortlich gemacht. Das wollte schon seinerzeit Thomas Mann nicht recht glauben, der mit Mayer darüber brieflich diskutierte. Und Hans Mayer mußte Mann recht geben, spätestens, als er die Tagebücher Cosimas gelesen hatte - in einem Bayreuther Vortrag (der im aktuellen Band nicht enthalten ist) machte er diese Korrektur auch öffentlich.

          Mayer hat im zweiten Band seiner Erinnerungen "Ein Deutscher auf Widerruf" bekannt, daß in seiner Beziehung zu Wagner (wie in der zu Schiller und Thomas Mann, aber aus anderen Gründen) Zeiten der Nähe und Ferne abwechselten. Als der Emigrant wieder nach Deutschland kam, versuchte er zwar in dem erwähnten Beitrag von 1953 die jugendliche Faszination durch Wagner in einer "Linkskurve" zu retten (als Jugendlicher hatte er "Tristan und Isolde" in Berlin unter Bruno Walter erlebt und war hingerissen, wenn auch nicht so verfallen wie Thomas Mann nach seinem ersten Lübecker "Lohengrin"), aber einen Besuch in Bayreuth konnte er sich nicht vorstellen. Geradezu bewegend schildert Mayer in diesen Erinnerungen die Begegnung mit Wieland Wagner, der ihn nach Bayreuth brachte und für Bayreuth gewann (unter anderem als Programmheft-Autor), ohne daß er seine Kritikfähigkeit dadurch verlor.

          Weitere Themen

          Alle wissen: Ich bin Single

          Herzblatt-Geschichten : Alle wissen: Ich bin Single

          Für Otto Walkes sind Scheidungen erfolgreich abgeschlossene Ehen, die Queen hilft mit ihrer Wohltätigkeitsorganisation vor allem sich selbst und Thomas Gottschalk greift Dieter Bohlens Hautmentalität an. Die Herzblatt-Geschichten.

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.