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Rezension: Sachbuch : Mit Laufbildern gegen das Verschwinden

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Einer der poetischen Grundsätze Ilse Aichingers lautet: Keine Zusammenhänge herstellen, wenn es sich vermeiden läßt! Eine wenig nützliche Maxime für herkömmliches autobiographisches Schreiben. Aber die kontinuierlich erzählte Lebensgeschichte ist ohnehin Ilse Aichingers Sache nicht. Schon in ihrem Band "Kleist, ...

          Einer der poetischen Grundsätze Ilse Aichingers lautet: Keine Zusammenhänge herstellen, wenn es sich vermeiden läßt! Eine wenig nützliche Maxime für herkömmliches autobiographisches Schreiben. Aber die kontinuierlich erzählte Lebensgeschichte ist ohnehin Ilse Aichingers Sache nicht. Schon in ihrem Band "Kleist, Moos, Fasane" (1987) überließ sie ihre Erinnerungen der kleinen Prosaform und vergegenwärtigte die Jahre zwischen 1950 und 1985 in tagebuchartigen Stimmungsbildern und Reflexionen. Unaufhebbar blieben Einsamkeit und Trauer - sie erklärten sich aus einem Satz wie diesem: "Ich kann getröstet nicht leben."

          Da überrascht in ihrem neuen Band "Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben" bei der Beschreibung der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg das Eingeständnis: "Die Erlösung war das Kino." Die Wiener Schülerin, nach dem Vokabular der Zeit "Halbjüdin", war von einer "Kinosucht" ergriffen, die selbst "Nazifilme" in Kauf nahm. Bis heute hat das Kino seine Faszination nicht verloren - ein großer Teil der Beiträge zum neuen Band besteht aus Prosastücken über alte Filme und über Bildbände des Fotografen Bill Brandt, die Ilse Aichinger seit dem Oktober 2000 für die Wiener Tageszeitung "Der Standard" schrieb.

          Die Filmkommentare lassen das Genre der Filmbesprechung weit hinter sich. Sie halten Lebenssituationen, innerhalb derer die Filme gesehen wurden oder wiedergesehen werden, fest; sie sind voller selbstbiographischer Signale. So korrespondieren sie unmittelbar mit dem ersten Teil des Bandes, der autobiographische Skizzen, Kindheits- und Jugenderinnerungen aus der Zeit bis 1945 vereinigt. Aus dem episodischen oder schnappschußhaften Charakter der Prosastücke überhaupt versteht sich der Untertitel des Bandes.

          Die Vorbemerkung zum zweiten Teil berichtet von dem unglaublichen Sog, in den die neue Kunstform des zwanzigsten Jahrhunderts kunstempfängliche junge Menschen wie Ilse Aichinger hineinzog. Die Erinnerungen an dieses Kinofieber wollen sich aber nicht zu einer "Chronologie des Glücks" fügen, und die Autorin durchdenkt an dieser Stelle die Bedingungen der Erinnerung überhaupt.

          "Die Erinnerung splittert leicht, wenn man sie zu beherrschen versucht." Im Gegensatz zum Atem - ein Atemzug folgt dem anderen, "vom ersten bis zum letzten" - sei die Erinnerung ohne Chronologie. Sobald sie auf Chronologie dränge, komme sie in Gefahr, Scheinkonsequenzen zu verfallen. Das Leben lasse sich nicht einfach "vor- oder zurückblättern"; wohl aber hätten "Blitzlichtaufnahmen" mit der Erinnerung zu tun. Von "Blitzlichtern auf ein Leben" spricht Ilse Aichinger, weil ihr "vor allem an der Flüchtigkeit liegt". Zu sehr habe sie die "eigene Existenz als Überrumpelung begriffen". So begnügt sich ihre Lebensdarstellung mit einem autobiographischen Mosaik.

          Schon den Band "Kleist, Moore, Fasane" eröffneten Erinnerungen an die frühe Wiener Zeit. Jetzt ergänzt sich das Bild der Kindheit und Jugend. In kleinen Porträts tauchen Mitschülerinnen auf: die strebsame und auf peinliche Sauberkeit bedachte Tochter des Kohlenhändlers, die sich später in der Badewanne ertränkte; die Tochter des Germanisten Josef Nadler, des Vaters der überaus problematischen literaturwissenschaftlichen Stammeskunde, die sich am Ende "zu Tode gesoffen hat"; oder die Tochter einer Altistin und eines jüdischen Vaters, die sich unglücklich in einen SS-Mann verliebte und schließlich den Gashahn aufdrehte - kleine Mädchentragödien auf dem Hintergrund der sich verfinsternden Zeitgeschichte.

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