https://www.faz.net/-gqz-6qjoq

Rezension: Sachbuch : Mit Hilfe Frau Holles wollten die Nazis ihre schmutzige Weihnachtswäsche reinigen

  • Aktualisiert am

An alten Bräuchen rütteln war den deutschen Ideologen in den vergangenen hundert Jahren das liebste: Doris Foitzik, Richard Faber und Esther Gajek erzählen vom politischen Mißbrauch des Christfestes

          5 Min.

          "Es ist ein Licht geboren! / Deutsch und von seltner Art! / SA ist auserkoren, / Zu schirmen seine Fahrt." Die Melodie klingt vertraut; den Text hatte man doch ein wenig anders in Erinnerung. Es handelt sich um die ersten Zeilen des Liedes "SA-Weihnacht", verfaßt in den dreißiger Jahren von einem gewissen Carl-Maria Holzapfel und einer der vielen Versuche, weihnachtliche Folklore nach den politischen Interessen der Zeit zu aktualisieren. Und wenn die Nationalsozialisten auch hier am bedenkenlosesten verfuhren, so waren sie doch bei weitem nicht die einzigen. Auch Monarchisten und Sozialisten, Militaristen und Pazifisten wollten mitbestimmen, welche Lieder gesungen und welche Geschenke verteilt wurden.

          So diente das Fest des Friedens in der deutschen Geschichte immer auch als Bühne politischer Indoktrination. So lesen wir es jedenfalls in dem Werk "Rote Sterne, braune Runen" der Volkskundlerin Doris Foitzik. Die Verfasserin untersucht die deutsche Weihnacht im Jahrhundert von 1870 bis 1970 und listet auf, wer wann wie darauf Einfluß nahm. Etwas weiter greift bei ähnlichen Resultaten der volkskundliche Sammelband "Politische Weihnacht in Antike und Moderne".

          Die Hypothese leuchtet ein. Denn anders als die hohen Feste der meisten anderen Religionen ist das Weihnachtsfest nur lose im Fundament des Glaubens verankert. Die Bibel weiß nichts davon, und auch das kirchliche Schrifttum sagt wenig darüber aus, in welchem Geist zu feiern sei. Als Familienfest mit Christbaum und Bescherung ist es wohl erst seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert verbreitet. Dennoch hat sich die junge bürgerliche Tradition fester in der deutschen Kultur etabliert als so mancher gestandene Brauch. Versuche zur Abschaffung schlugen sämtlich fehl.

          Wer immer die Weihnachtsstimmung in seinem Sinne lenken wollte, mußte also behutsam agitieren. Das Kaiserreich besann sich auf solche Mittel vor allem in Kriegszeiten. Ein Weihnachtsabend in Entbehrung, zu Hause ohne den Vater oder allein im Feld, trug freilich nicht zur Hebung der Kampfmoral bei. Es galt also, Christus zu einem Teil der großen vaterländischen Sache zu machen, sein Opfer in den Vordergrund zu stellen. In den Wirren der Weimarer Republik wollten viele noch weiter gehen. Man liest mit Erstaunen, daß nicht nur die völkischen Gruppierungen, sondern auch Sozialdemokraten und Kommunisten ernsthaft erwogen, eine Wintersonnenwendfeier an die Stelle des Weihnachtsfestes zu setzen.

          Verharrten diese Bemühungen noch weitgehend im öffentlichen Raum, griffen die Nationalsozialisten auch in die private Festgestaltung ein. Eine Flut neuer Lehrfibeln, Liederbücher und Geschenkartikel sollte der Umdichtung des Brauchtums den Weg bereiten. Vor allem der germanisch-mythische Flügel der NSDAP um Alfred Rosenberg legte dabei eine Phantasie an den Tag, die unter anderen Umständen erheitern könnte. Ein Sammelsurium von Halbwahrheiten gipfelte in der hanebüchenen Behauptung, die deutsche Weihnacht sei älter als das Christentum. Statt vom Nikolaus sollte man zu Kindern nur noch von Ruprecht sprechen. Der war zwar wegen der bekannten Rute nicht sonderlich beliebt, aber auf dunkel etymologischen Pfaden angeblich mit Wotan verbändelt, den man auf diesem Weg wieder in den Volksglauben einschmuggeln wollte. Aus dem gleichen Grund brachte die Geschenke nun nicht mehr das Christkind, sondern die Märchenfigur Frau Holle, die man für eine Erscheinung der Göttin Frigg hielt.

          Der Christbaum durfte, er mußte sogar bleiben als winterliche Variante des deutschen Fichtenfimmels. Nur hieß er nun Lichterbaum und stand für ein jahrtausendealtes germanisches Erbe, einen Kult der Heimattreue und Beständigkeit. Esther Gajek, die Mitherausgeberin des Sammelbandes, weist nach, daß es sogar Pläne gab, die Gräber der Gefallenen mit Weihnachtsbäumen zu schmücken. Selbst in einigen deutschen Konzentrationslagern standen Christbäume - neben dem Galgen, wie sich Überlebende erinnern.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Topmeldungen

          Pragmaten im Aufzug: Kanzlerkandidat Olaf Scholz (links) und Fraktionschef Rolf Mützenich (beide SPD) am 28. September im Bundestag

          SPD-Papier : Im Trippelschritt zur bewaffneten Drohne

          Die Sozialdemokraten überlegen, ihre jahrelange Blockade gegen das unbemannte Waffensystem aufzugeben. Im Machtpoker der Ampel-Parteien könnte ihr das bald nützlich werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.