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Rezension: Sachbuch : Mit den Waffen der Wissenschaft den Freisinn bekämpfen

  • Aktualisiert am

Schrecken der Liberalen und frommer Vulkan: Der Theologe Adolf Schlatter, von Werner Neuer aus allzu großer Nähe betrachtet

          "Nur selten stolpert mein Fuß, wenn ich Ihre Wege nachzugehen versuche", schrieb ein gelehrter Benediktinerpater aus Maria Laach dem protestantischen Theologieprofessor Adolf Schlatter wenige Wochen vor dessen Tod im Jahr 1938. Anderen fällt es schwerer, auf den Pfaden Schlatters zu wandeln. Der rasche Wechsel von Tageshelligkeit und Dämmerlicht erzeugt perspektivische Irritationen.

          1852 in einer pietistischen Familie im schweizerischen St. Gallen geboren, entwickelte sich Schlatter seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Repräsentanten der biblisch-konservativen Theologie. Er benutzte die historisch-kritische Methode und bereicherte die neutestamentliche Wissenschaft um scharfsinnige Beiträge, hielt aber gegen alle Einwände des modernen Bewußtseins an der "Theologie der Tatsachen" fest. Bei erweckten Christen in der Schweiz, in Westfalen, Württemberg und anderswo besaß er ein weites Hinterland. Die Bodelschwinghs, Vater und Sohn, zählten zu seinen engen Freunden. Ganze Studenten-und Pfarrergenerationen saßen über Schlatters Kommentare gebeugt.

          Was Schlatter ins Zwielicht geraten ließ - und das zeigt Werner Neuers Biographie nolens volens sehr deutlich -, war seine Protegierung, um nicht zu sagen Instrumentalisierung durch kirchenfromme Kreise. Die Theologische Fakultät Bern, ein Hort der freisinnigen Theologie, bekam den jungen Landpfarrer, ohne sich ernstlich wehren zu können, um die Jahreswende 1880/81 einfach vorgesetzt. Der Kirchenhistoriker Friedrich Nippold machte seiner Empörung in sechs Artikeln in der "Berner Post" Luft. Im "Rückblick auf meine Lebensarbeit" schrieb Schlatter von einem "Kampf", für den er sich habe "anwerben" lassen. Kaum anders als in Bern verliefen Schlatters akademische Premieren in Greifswald, Berlin und Tübingen.

          Beabsichtigte er als "Strafprofessor" zu wirken, um die Liberalen in ihre Löcher zu scheuchen, oder einfach nur, um die richtungspolitische Balance zu halten? Ein weniger nervenstarker Professor als Schlatter hätte diesen Kampfkurs möglicherweise nicht durchgehalten. An seinen universitären Berufungsorten umwehte ihn die Eiseskälte der Ablehnung. Sogar in Tübingen, wo er später Triumphe feierte, fror ihn anfangs. "Es ist immer noch etwas kalt in Tübingen, resp. meine Haut empfindlicher als vordem."

          Schlatter war ohne Zweifel eine fulminante theologische Begabung, dazu ein bestechender Philologe. Nicht auszudenken, was er der geistigen Welt bei weniger enger Anbindung an sein eher kleinteiliges Milieu hätte geben können. Ihn in einem Atemzug mit den überragenden theologischen Größen der Epoche zu nennen, mit Harnack, mit Troeltsch oder mit den Häuptern der nachrückenden Generation Tillich und Barth, fällt gleichwohl schwer. Auf seine Art eine Leuchte und Zierde der evangelischen Theologie, mangelte es dem Bibeltheologen aus St. Gallen am Bewußtsein der Zeitgenossenschaft.

          Der Sturz in die Moderne ließ ihn keineswegs unberührt. Doch Zeitgenossenschaft bedeutete noch anderes. In der Metropole des Deutschen Reiches empfand sich Schlatter als ein Verlorener. Zur zeitgenössischen Kultur war sein Verhältnis distanziert. Theateraufführungen mied er seit der Jahrhundertwende. Ein Kino hat er nie betreten. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ein Gegner des Dritten Reiches, ging er mit manchen seiner Urteile trotzdem gründlich fehl. Im nationalsozialistischen Staat, fand er, seien die Christen stärker bedroht als die Juden - geschrieben wenige Wochen nach den Nürnberger Rassegesetzen ("Wird der Jude über uns siegen?"). Vielleicht ist Schlatters Leben mehr als die individuelle Geschichte eines bibelorientierten, in erkenntnistheoretischer Hinsicht in vorkantischen Bahnen verharrenden Theologen. Möglicherweise spiegelt seine Vita einen bestimmten protestantischen Habitus mit all seinen Stärken und Schwächen.

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