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Rezension: Sachbuch : Mir geht es gold, jedenfalls besser als Ihnen!

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Die schöneren Autos haben immer die anderen. Sie erzählen die besseren Witze, bekommen die größere Portion Nudeln, haben die schickere Visitenkarte und grundsätzlich mehr Glück. Manchen Menschen leuchtet die Zufriedenheit aus allen Knopflöchern. Das läßt die Spezies des gemeinen Neiders aufmerksam werden: ...

          Die schöneren Autos haben immer die anderen. Sie erzählen die besseren Witze, bekommen die größere Portion Nudeln, haben die schickere Visitenkarte und grundsätzlich mehr Glück. Manchen Menschen leuchtet die Zufriedenheit aus allen Knopflöchern. Das läßt die Spezies des gemeinen Neiders aufmerksam werden: Das haben die doch gar nicht verdient! Für den Neider ein Beweis mehr, wie ungerecht die Welt ist. Er schimpft giftig, fuchtelt mit der Faust gen Himmel und stapft weiter in der Sicherheit, auf der miesen Seite zu stehen. Und: "Die gehen auch alle noch mal zu Fuß."

          Neid, dieses stechende Gefühl, etwas zu begehren, das im Besitz eines anderen ist, befällt - so läßt sich vermuten - wohl jeden Menschen ab und zu. Zugeben tun ihn die wenigsten. "Neidisch sind immer nur die anderen" ist deshalb der treffende Titel des Buchs von Rolf Haubl, in dem die verquere Logik des Neides aufgeschlüsselt wird, die dem anderen nichts gönnt. Nicht einmal den Neid selbst.

          Der Psychologieprofessor der Universität Augsburg seziert den Neid, löst den Begriff in hundert menschliche Einzelzüge auf, bis er einem sehr bekannt vorkommt. Was den Menschen bewegt oder hemmt, das ist für den Neidexperten zum großen Teil auf den Geltungstrieb zurückzuführen. Denn jeder will ein wenig anders sein als die anderen. Und je gleicher die Menschen sind, um so stärker zählt der kleinste Unterschied, der wiederum den Neid weckt. Nur im Neid sind alle ähnlich, so Haubls Theorie, die jedes Streben nach Gleichheit widerlegen würde, weil sie durch den Neid schon die Ungleichheit in sich trägt. Aber so weit will der Autor dann doch nicht gehen.

          Die Welt ist eng. Schnell ist da ein Ellenbogen in die neidische Seele gerammt. Wie sehr etwa die Werbung auf Neid setzt und diesen zugleich befriedigen will, das hat schon fast komische Züge: "Es gibt immer noch ein paar Privilegierte, die keinen Firmenwagen fahren müssen" (Porsche) - "Da weiß man, daß ihn keiner hat" (Rover) - "Alle Menschen sind nicht gleich" (Mercedes-Benz) - "Wer es sich leisten kann, der kauft sich kein Statussymbol" (Saab).

          Gegen den Neid ist kein Kraut gewachsen. Aber er kann einen auch vorantreiben, so die beruhigende Botschaft des Buches - und sei es nur zum nächsten Kaufhaus. Was gegen den Neid hilft, ist das nicht minder giftige Gefühl der Schadenfreude. Der Autor zitiert Friedrich Nietzsches Idee einer ausgleichenden Schadenfreude: Man sammelt das Unglück anderer und hortet es in der Erinnerung für schlechte Zeiten, in denen man sich dann tröstend sagt: Den anderen geht's auch nicht besser. So läßt sich auch der Erfolg von Sendungen wie "Pleiten, Pech und Pannen" erklären.

          Wo immer Rolf Haubl hinblickt, da ist Neid. Schon am Anfang war der Neid, "denn durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt", so heißt es im Alten Testament. Der Psychologe gräbt Gemälde aus, die den neidischen Blick zeigen. Unerbittlich sammelt Haubl Geschichten wie die vom Matrosen "Billy Budd": Herman Melville beschrieb darin, wie der Neid, hat er ein Opfer gefunden, dieses auch zerstört. Je weiter Haubl in die Gegenwart voranschreitet, wo es keineswegs besser wird mit dem Neid, um so mehr fühlt sich der Leser selbst beobachtet bei seinem neidischen Blick auf fremde Einkaufstüten: Als erklärte ein Ethnologe uns das Verhalten einer Spezies, zu der man leider selbst gehört. Wenn wir in den Supermarkt, ins Autohaus oder in die Boutique rennen, dann kaufen wir uns dort nur Prothesen, die unser Selbstwertgefühl stützen sollen. Durch eine Psychologisierung des Konsums neiden wir keine Gegenstände, sondern so erstandenes, angebliches Wohlbefinden.

          Es sind diese Alltagsbeobachtungen, die Haubls Neidbetrachtung immer wieder überraschend machen. Zum Beispiel erklärt er anhand eines Werbeplakats des Parfüms Envy, wie sich Neid mit einfachen Mitteln vermittelt. Das Model blickt ganz selbstverständlich ins Leere und über den Betrachter hinweg. Denn eine Regel des Neids heißt: Die vermeintlich Glücklichen ziehen die Blicke auf sich, aber blicken nicht selbst. Das würde den erregten Neid schon wieder mildern.

          Während der Lektüre befällt den Leser immer wieder heimliche Schadenfreude, die Dynamik des Neids langsam zu durchschauen. Unfreiwillig wird das Buch zum Ratgeber, wie man Neid erzeugt oder abwendet. Manchmal stören allerdings die Berichte aus Haubls eigener therapeutischer Praxis. Denen haftet etwas von Selbsthilfegruppe an, als läge über den protokollierten Gesprächen eine dicke Schicht Vollkornmehl. Amüsant ist es dennoch, die Welt eben nur durch dieses Schlüsselloch des Neides zu betrachten.

          Wenn Rolf Haubl den Roman "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller zitiert, legt er damit die Beurteilung seines eigenen Buches nahe. Dort fällt ein Mann namens Wurmlinger dadurch auf, daß "sein drittes Wort immer Neid war". Die ganze Welt war ein von Neid zitternder Wald für ihn, "so daß seine ganze Rede durch das unaufhörlich wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum tönenden Gesange des Neides selbst wurde".

          Rolf Haubl: "Neidisch sind immer nur die anderen". Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein. Verlag C.H. Beck, München 2001. 220 S., br., 34,- DM.

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