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Rezension: Sachbuch : Messer und Äxte verboten

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Dafür mit Hand und Fuß: Deutsche Literaturgeschichte aus England

          Jeder deutsche Professor für Altgermanistik wäre glücklich, wenn seine Examenskandidaten auch nur einen Überblick über den Stoff hätten, den in der jetzt erschienenen "Cambridge History of German Literature" die beiden ersten Kapitel bieten. Die englischen und amerikanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Literaturgeschichte machen sich also nicht mit jenen Holzfällern gemein, die in neueren deutschsprachigen Literaturgeschichten unsere mittelalterliche Literatur gnadenlos durchforsten, schon gar nicht mit jenen Chirurgen, die das mittelalterliche Standbein unserer Literatur einfach amputieren.

          Die Amputationsmethode ist allerdings keineswegs eine Spezialität deutscher Verlage und Herausgeber. In ihrem Vorwort verschweigt Helen Watanabe-O'Kelly nicht, daß manche German Departments der Universitäten mittelalterliche Literatur gar nicht mehr lehren. So setzt sich die "Cambridge History of German Literature" noch einmal gegen die Äxte und Messer, die überall am Werke sind, zur Wehr.

          Noch in einem weiteren Punkt weicht sie auffällig von neueren deutschsprachigen Literaturgeschichten ab. Bei uns hat sich ein Epochenverständnis durchgesetzt, das die große Blütezeit unserer Literatur um 1800 im Ereignisschatten der Französischen Revolution von 1789 sieht. So trägt in Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur selbst der von Gert Ueding geschriebene Band "Klassik und Romantik" den Untertitel "Deutsche Literatur im Zeitalter der Französischen Revolution 1789-1815", und so grenzt auch Gerhard Schulz in seinen beiden Bänden die Literatur "Im Zeitalter der Französischen Revolution 1789-1806" von der im "Zeitalter der napoleonischen Kriege und der Restauration 1806-1830" ab. In der "Cambridge History of German Literature" kehrt Nicholas Saul zu den älteren Begriffen zurück und faßt die Literatur der Goethezeit unter dem Titel "Aesthetic humanism (1790 - 1830)" zusammen.

          Solche Reliterarisierung ist programmatisch und zeigt sich auch darin, daß Begriffe wie Aufklärung, Realismus oder Naturalismus wieder zur Epochenbezeichnung herangezogen werden. Das schließt Markierungen mit Begriffen der politischen Geschichte, wo diese tatsächlich literaturbestimmend wird, nicht aus: bei der Juli-Revolution und der Revolution von 1848, bei der Literatur unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Und keineswegs darf aus solcher Reliterarisierung auf blanken Traditionalismus der Literaturbetrachtung geschlossen werden.

          Denn drei der neun Kapitel sind von Professorinnen geschrieben, die sich in der in Amerika mächtig erblühten "Gender"-Forschung und in feministischer Theorie ausgewiesen haben oder die "Women's Studies" vertreten, also von Beruf und Interesse her immer die Frage nach der Geschlechterrolle im Hinterkopf haben. So will Ruth-Ellen Boetcher Joeres in ihrem Beitrag zur Literatur der Aufklärung den analytischen Kategorien "gender" und "class" besonderes Gewicht geben. Doch geschieht das in der Darstellung selbst im Sinne des "auch", nicht des "ausschließlich".

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