https://www.faz.net/-gqz-6qauv

Rezension: Sachbuch : Messer und Äxte verboten

  • Aktualisiert am

Und tatsächlich kann sie so manchem Anthologisten sträfliche Einäugigkeit nachweisen und manche Schriftstellerin aus dem Keller der Literaturgeschichte wieder hervorholen. Wielands Offenheit für weibliche Blickweisen wird dem altväterlichen Rollenverständnis Schillers entgegengehalten. Eine vorzügliche Gelegenheit, zu zeigen, wie vorsichtig man mit dem Begriff der Klasse umzugehen hat, versäumt die Autorin: Sie läßt sich nicht auf die zentrale Diskussion zur Theorie des "bürgerlichen Trauerspiels" ein.

Mit Recht schließt die Klammer "Aufklärung" die Literatur des Sturm und Drang mit ein. Annehmbar ist auch die Zusammenfassung der Literatur zwischen 1830 und 1890. Erwartet hätte man von der Komparatistin Gail Finney, daß sie eine weltliterarische Erscheinung wie Heine nicht mit ein paar Kurzcharakteristiken abfertigt. Kein Wort über die enorme Wirkung des "Buchs der Lieder", keines zum überragenden "Romanzero". Lyrik ist allerdings ohnehin das Stiefkind der Autorin; erst bei Ritchie Robertson im folgenden Beitrag scheint sie wieder wohl aufgehoben.

Mehr noch als die vorhergehenden stehen die drei Kapitel zur Literatur von 1890 bis 1990 unter dem Zwang aller einbändigen Literaturgeschichten, den Leser bei der Mehrzahl der Schriftsteller mit Telegrammnachrichten abfinden zu müssen. Dieser Mangel ist kaum vermeidbar, weil der Leser einer Literaturgeschichte eben an Informationen nicht nur über die Großen auf dem literarischen Höhenkamm, sondern auch über die Bewohner der literarischen Ebene interessiert ist. Gar nicht erst kommun gemacht haben sich die Mitarbeiter mit der in neueren deutschen Literaturgeschichten gelegentlich schmarotzenden Trivial- oder Massenliteratur.

Erst für die Literatur nach 1945 folgt dieser Band einem neueren Trend, die österreichische und schweizerische Literatur deutscher Sprache als autonom zu betrachten. Da aber der literarische Markt solche Abkapselung ständig unterläuft, entschied sich Moray McGovan für den Kompromiß einer Gesamtdarstellung der westlichen deutschsprachigen Literatur und eines Seitenblicks auf spezifische österreichische und schweizerische Tendenzen. Interessant ist ein Gedanke von Helen Fehervary. Fast immer seien in Deutschland Schriftsteller, Denker und Intellektuelle von größerer Signifikanz für ihre Zeit gewesen als Politiker: Goethe, Kant, Schiller, Hegel und Heine, Kafka, Albert Einstein, Thomas Mann und Brecht. Auf dem Prüfstand der Geschichte werde für die DDR Ähnliches gelten.

Der Titel dieser Literaturgeschichte und die Liste der Mitarbeiter machen es schwer, einen ketzerischen Vergleich mit dem traditionellen Bootsrennen der Universitäten Cambridge und Oxford zu unterdrücken. Betrachtet man die "Cambridge History of German Literature" als einen wissenschaftssportlichen Wettkampf, so geht - bei drei Mitarbeitern aus Oxford und keinem aus Cambridge - Oxford mit einigen Bootslängen Vorsprung ins Ziel. WALTER HINCK

Helen Watanabe-O'Kelly (Hrsg): "The Cambridge History of German Literature". Cambridge University Press, Cambridge 1997. 614 S., geb., 65 Pfund.

Weitere Themen

Schöner fahnden

Serie „Auckland Detectives“ : Schöner fahnden

Im ZDF ermitteln die „Auckland Detectives“: Polizistin Jess Savage muss einen traumatischen Unfall und den Verlust ihres Ehemannes verarbeiten. Doch zur Ruhe kommt sie nicht, als auf Waikehe Island ein Fall den nächsten jagt.

Dichter Günter Kunert gestorben

Im Alter von 90 Jahren : Dichter Günter Kunert gestorben

Seine Familie wurde in der NS-Zeit verfolgt, zahlreiche Angehörige wurden ermordet. In DDR war er ein politischer Dissident. Geschrieben und gedacht hat er im Geiste Heinrich Heines. Nun ist der Dichter Günter Kunert im Alter von neunzig Jahren gerstorben.

Topmeldungen

Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.