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Rezension: Sachbuch : Mensch im Gehäus

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Die Käfige der Louise Bourgeois · Von Barbara Catoir

          Louise Bourgeois erschafft sich nicht nur mit ihrer Kunst ein imaginiertes Gegenüber, sie erschafft darüber hinaus mit Schreiben eine innere Zweisamkeit. Die Selbstverdoppelung ist - darauf lassen ihre Äußerungen immer wieder schließen - ihr Weg aus der Einsamkeit und den Ängsten, die sie von Jugend an peinigen. Seit dem zwölften Lebensjahr führt sie Tagebuch. Wer Zutritt zu ihrem kleinen bis zur Decke angeräumten Haus in Chelsea, New York, hat, kann diesen stetig wachsenden Hefteberg dort auf Regalen wahrnehmen.

          Daß die Tagebücher nun, wenngleich nur in kleinen Auszügen, zugänglich werden, verdanken wir einer Sammlung von ausgewählten Schriften und Interviews, die Marie-Laure Bernadac und Hans-Ulrich Obrist herausgegeben haben. Sie beginnt mit einigen faksimilierten Seiten der Agenda einer fleißigen, disziplinierten zwölfjährigen Schülerin (Eintragungen vom Mai 1923), sie endet mit einer Auswahl von Tagebuchnotizen, deren letzte vom 12. Dezember 1997 stammt. Sie bilden die Klammer für eine Künstlervita, die in den dreißiger Jahren in Paris beginnt, bevor Bourgeois 1938 mit ihrem amerikanischen Mann, dem Kunsthistoriker und Kunstethnologen Robert Goldwater, für immer nach New York zog.

          Die Äußerungen Louise Bourgeois' zeichnen sich durch große Klarheit aus, was sicherlich auch etwas mit ihrer Liebe zur Mathematik zu tun hat. Sie bezeichnet sich selbst als Rationalistin, antireligiös und sozial engagiert, ihr Werk entsprechend als realistisch. Das schließt das Irrationale nicht aus, aber es hält es in Grenzen. "Es ist schwer, ein Künstler zu sein und die Tür zu den Träumen verschlossen zu halten." Bereits aus ihren Briefen und dezidierter noch aus den Tagebucheintragungen der vierziger Jahre spricht der Imperativ: "Ein Bild sollte kein Schlachtfeld sein. Es muß ein Statement sein. Beginne mit einer Aussage und nicht mit dem vagen Wunsch, irgend etwas zu sagen. Dinge vereinfachen sich nie, sie verkomplizieren sich auf dem Weg vom Gehirn zur Leinwand. Du hast eine Skala von Zielen und Werten aufzustellen und arbeite systematisch."

          Entsprechend entwickelte sich ihr Werk, das sehr bald die Malerei hinter sich läßt und Skulptur, schließlich Raum, "environmental sculpture" wird. Trotz aller Rätselhaftigkeit wirkt es nie verworren. Einfachheit wird zur Maxime, mit einem Minimum will sie ein Maximum aussagen. Mit den selbst gestellten Forderungen an die Kunst gehen Fragen einher, die zum einen das Material und seine Eigenschaften, das Format, die Vorgehensweise, die Technik und zum anderen die Bedingungen betreffen, unter denen Kunst entsteht: "Wir werden Künstler, Bildhauer, weil wir nicht erwachsen werden können."

          Im letzten Drittel des Buches beginnen die Aussagen auf der Stelle zu treten. Man gerät in eine Gefangenschaft der Gedanken. Hier wären Kürzungen angebracht gewesen, auch wenn man Wiederholungen als dramaturgischen Einfall gelten läßt, denn sie haben ihre Entsprechung in den Environments, jenen wie Käfige und provisorische Behausungen aus den Elendsvierteln in vorhandene Räume gestellten Kleinbühnen, Kopfgefängnissen mit bezeichnenderweise vielfach kreisrunden und auch spiralförmigen Grundrissen. Die Künstlerin selbst bezeichnet sie als Schutzräume, die sich meist als Fallen erweisen.

          Diesem obsessiven Alterswerk, den "Lairs" und "Cells", mit denen sich die Künstlerin seit zwölf Jahren beschäftigt, sollte der seit langem angekündigte Bildband "Das Geheimnis der Zelle" gelten. Was uns nun vorliegt, ist eine Publikation mit einem schönen Bild- und einem ganz und gar unausgereiften, äußerst disparaten Textteil, der, um im Bild der Zelle zu bleiben, wie eine aus der Kontrolle geratene Geschwulst wirkt. Man merkt der Publikation an, daß mit verschiedenen Teilaspekten begonnen und diese von verschiedenen Personen erstellt wurden, ohne daß dabei ein Gesamtkonzept zugrunde lag. Die Teile finden nicht zueinander. Isoliert nebeneinander stehen da ein Aufsatz über Barnett Newmans Kunstvermittlerrolle , einer über Rodins "Frühlingserwachen". In diesen kommt der Name Louise Bourgeois kaum noch vor. Losgelöst steht, gewissermaßen als Kernzelle der Publikation, eine, wie es heißt, "biographische Erzählung". Sie rankt sich um eine Fülle von Photos aus Louise Bourgeois' Leben. "Wir beginnen", heißt es dazu erklärend, "die Photographie als Repräsentation eines Gedächtnisses zu lesen, (...) verweben die Momente einer visuellen Repräsentation zu einem Testfall einer anderen Erzählung." Diese Webarbeit ist kein Ruhmesblatt für die Kunstwissenschaft.

          Louise Bourgeois: "Destruction of the Father, Reconstruction of the Father". Writings and Interviews 1923-1997. Herausgegeben von Marie-Laure Bernadac und Hans-Ulrich Obrist. Violette Editions, London 1998. 390 S., geb., 59,- DM.

          Rainer Crone/Petrus Graf Schaesberg: "Louise Bourgeois. Das Geheimnis der Zelle". Prestel Verlag, München / New York 1998. 168 S., mit 200 Abb., geb., 98,- DM.

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