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Rezension: Sachbuch : Mehr Herz als Zunge

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"Geistes-Konzerte" hat 1797 ein anonymer Rezensent Jean Pauls Romane genannt. Und Wilhelm Dilthey urteilt aus der Rückschau: "Er ist der musikalische Dichter dieses Zeitalters." Kein Wunder, daß die Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts von Schumann über Wagner bis Mahler von seinen Romanen in besonderem Maße fasziniert waren.

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          "Geistes-Konzerte" hat 1797 ein anonymer Rezensent Jean Pauls Romane genannt. Und Wilhelm Dilthey urteilt aus der Rückschau: "Er ist der musikalische Dichter dieses Zeitalters." Kein Wunder, daß die Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts von Schumann über Wagner bis Mahler von seinen Romanen in besonderem Maße fasziniert waren. Wagnerianer sehen in ihm gern den Propheten ihres Meisters, hatte er doch in seinem Vorwort zu E. T. A. Hoffmanns "Phantasiestücken in Callots Manier" - ausgerechnet in Wagners Geburtsjahr 1813 und zu allem Überfluß auch noch in Bayreuth - geschrieben, "daß wir noch bis auf diese Stunde des Mannes harren, der eine echte Oper zugleich dichtete und setzte". Wagner kannte diese Prophezeiung und hat seines Bayreuther Vorläufers dankbar gedacht, während der Wagner-Hasser Alfred Kerr 1911 ins Gästebuch von Jean Pauls Rollwenzelei zu Bayreuth schrieb: "Vergessen dich die Deutschen heut: / du bist der Meister von Bayreuth."

          Der Topos des "musikalischen Dichters" hat in der Jean-Paul-Literatur zu so manchen schöngeistig-paraphrasierenden Interpretationen seines Stils geführt. Davon unterscheidet sich die neue Untersuchung von Julia Cloot wohltuend. Zu den erfreulichsten Erscheinungen der sich mehr und mehr interdisziplinär ausdehnenden Germanistik gehört die wachsende Zahl von Büchern und Aufsätzen zur Wechselwirkung von Dichtung und Musik, die von hoher Professionalität in beiden Disziplinen zeugen. Zu ihnen gesellt sich auch die vorliegende Monographie.

          Carl Dahlhaus und Norbert Miller haben Jean Paul mit der Idee der absoluten Musik in Verbindung gebracht, die in der romantischen Musikästhetik gründet und den epochalen Paradigmawechsel von der bis dahin den Primat behauptenden Vokal- zur Instrumentalmusik zur Folge hat. Die "Metaphysik der Instrumentalmusik" (Dahlhaus) führt zu Transzendenzerlebnissen, die Struktur und Gehalt des spätempfindsam-frühromantischen Romans eingeschrieben sind. Musikästhetik ereignet sich bei Jean Paul im und als Roman. Der Sprache der Töne - und zwar gerade nicht der wortgezeugten der Vokalmusik, sondern der textlosen der reinen Instrumentalmusik - kommt nun ein höherer Ausdruckswert zu als der Wortsprache. Man darf von einer Geburt der Ästhetik der absoluten Musik aus dem Geiste des literarischen Unsagbarkeitstopos reden. Zugleich löst die Musik die Malerei als Vorbild der Dichtung ab: statt der von Lessing in seinem "Laokoon" für obsolet erklärten Maxime "ut pictura poesis" heißt es nun mit größerem Recht: "ut musica poesis".

          Als musikalischer Dichter wurde Jean Paul von jeher dem Plastiker Goethe gegenübergestellt, nicht zuletzt inspiriert durch seine eigene typologische Unterscheidung beider Dichtungsweisen. Obwohl er mit der Musiktheorie seiner Zeit bestens vertraut war, hat er selber eine Musikästhetik nur in aphoristischen Ansätzen entwickelt. Seine Begründung: "Ich habe mehr Ohr, ja mehr nur Herz als Zunge für die Musik; und in die theoretische Kirchenversammlung einer h. Cäcilia könnt' ich mich nur als Zuhörer, nicht als Mitsprecher wagen."

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