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Rezension: Sachbuch : Meerbusenfreundschaft - die Deutschen und das Baltikum

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          Ein einheitlicher Raum im staatlich-politischen Sinn ist das Baltikum selten gewesen; zu viele äußere Kräfte hatten dort eingegriffen - so etwa im Mittelalter der Deutsche Orden, später die Schweden und schließlich das Zarenreich unter Peter dem Großen. Auch ein einheitlicher Sprachraum ist das Baltikum nie gewesen; das Estnische gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie, das Lettische und Litauische sind baltische Sprachen, ebenso wie das Preußische.

          Von den im Mittelalter teils ausgerotteten, teils assimilierten Prußen ist nichts als der Name übriggeblieben - und dieser hat über das spätere Ostpreußen seinen Weg zum Staat der Hohenzollern und damit nach Deutschland gefunden. So war dieser Name lange Zeit das sichtbarste Bindeglied zwischen Deutschland und dem baltischen Raum. Ein weniger sichtbares waren die Deutschen im Baltikum, die vielfach der Oberschicht angehörten und, wie im vornationalen Zeitalter üblich, oft über Generationen im Dienste "ihres" Herrschers, des Zaren, standen. Aus ihren Nachfahren rekrutiert sich ein Teil der Autoren dieses Bandes. Auch Wissenschaftler aus den baltischen Staaten sind darin vertreten, die neue, unbefangene Blicke auf die jahrhundertealte, gemeinsame baltisch-deutsche Geschichte werfen.

          Nur geographisch kann man uneingeschränkt von einem "Raum" rund um die Ostsee sprechen; in diesem Sinne gehen die Autoren noch über das Baltikum im engeren Sinne hinaus und beziehen auch Finnland und Ostpreußen mit ein. Eine gute Nachbarschaft mit den Deutschen hat es beileibe nicht immer gegeben, im Gegenteil. Der Herausgeber Wilfried Schlau weist darauf hin, daß das Schlagwort vom aggressiven deutschen "Drang nach Osten" - in Schlesien und Böhmen fehl am Platze - wenn überhaupt, dann allein hier Anwendung finden könne. Im Baltikum wurde gewaltsam bekehrt; den Litauern, die unter den Völkern Europas als letzte christianisiert wurden, müssen die Deutschen zeitweise wie Erbfeinde erschienen sein.

          Das hindert heute die meisten Balten jedoch nicht daran, das gemeinsame Erbe zu pflegen. Der vorliegende Band, hervorragend illustriert, aber recht knapp mit historischen Karten versehen, behandelt politische, Sozial- und Wirtschafts- sowie Kulturgeschichte bis zur Gegenwart. Daß gelegentlich von "deutschem Volksboden" die Rede ist, ändert nichts an dem Gesamteindruck, daß hier Autoren am Werk waren, denen gute baltisch-deutsche Beziehungen ein wichtiges Anliegen sind. Unser Bild aus dem Jahre 1864 zeigt die Stadt Narwa, wo das Baltikum heute endet: rechts die zu Estland gehörende Hermannsfeste, links Iwangorod, wo seit einigen Jahren eine große, neue russische Zollstation steht. GERHARD GNAUCK

          Wilfried Schlau (Hrg.): "Tausend Jahre Nachbarschaft". Die Völker des baltischen Raumes und die Deutschen. Bruckmann Verlag, München 1995. 356 S., geb., 98,- DM.

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