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Rezension: Sachbuch : Medea kommt zum Tee

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Anne Stevenson umkreist Sylvia Plath / Von Elisabeth Bronfen

          Die amerikanische Lyrikerin Sylvia Plath, ehrgeizige und begabte Tochter deutsch-österreichischer Einwanderer, die sich im Alter von dreißig Jahren in London das Leben nahm, bleibt eine der rätselhaftesten Figuren der modernen Literaturgeschichte. Im Jahre ihres Todes hatte sie einen ersten Gedichtband und einen autobiographischen Roman unter Pseudonym veröffentlicht, außerdem Gedichte und Kurzgeschichten in renommierten literarischen Zeitschriften untergebracht. Sie war eine viel versprechende, wenn auch noch keinem größeren Publikum bekannte junge Literatin, die gerade dabei war, ihre am College gelernten poetischen Formeln abzustreifen, um eine Lyrik erschütternder Intensität zu schreiben. Die zwei Jahre nach ihrem Tod von ihrem Ehemann Ted Hughes herausgegebene Gedichtsammlung "Ariel" führte schlagartig zu ihrem posthumen Ruhm: nicht nur, weil es der Autorin in diesen wie im Fieber geschriebenen letzten Texten gelungen war, ihre selbstzerstörerische Verwandlungssucht mit gewaltsamer, getriebener Wortbrillanz zu schildern. Die Gedichte mit ihrer Feier der Selbstauslöschung schienen in der Leiche der Dichterin eine konkrete Verkörperung zu finden.

          Man könnte darüber spekulieren, ob Sylvia Plaths Lyrik die anhaltende umstrittene Wirkung gehabt hätte, wenn sie nicht eines Nachts ihren Kopf in den Gasherd gesteckt hätte, nachdem sie sich wenige Monate vorher im Streit von ihrem Gatten trennte, um alleine mit ihren beiden kleinen Kindern zu leben. Wie im Fall jener anderen berühmten Selbstmörderin der frühen sechziger Jahre - Marilyn Monroe - will die Flut an Biographien nicht abbrechen. Es stellt sich scheinbar weiterhin die Frage: Wie konnte aus der strahlenden, ambitionierten jungen Amerikanerin, die sich während ihres Studiums so erfolgreich den Erwartungen ihrer Mitmenschen anzupassen gewusst hatte, jene hagere, getriebene Engländerin werden, die alle poetischen Konventionen abwarf, um ihr proteisches Werk durchzusetzen?

          Als Anne Stevenson vor zehn Jahren ihre Biographie "Bitter Fame. A Life of Sylvia Plath" veröffentlichte, löste die Publikation Verwunderung und Entrüstung aus. Von ihren Vorgängern hob sie sich dezidiert dadurch ab, dass sie für Ted Hughes und seine Schwester Olwyn Partei ergriff. Der von Missverständnissen und Auslassungen geprägten populären Hagiographie, die um die früh verstorbene Dichterin gesponnen wurde, wollte sie mit ihrer Biographie einen objektiven Bericht entgegenhalten. Bereits in der Einleitung wird jedoch deutlich, dass es auch ihr nicht um ein ausgewogenes Bild Sylvia Plaths geht. Zwar gibt sie zu, dass viele sich an die "lebhafte und inspirierende junge Frau" erinnern, deren Intelligenz, Charme, Humor und Liebesfähigkeit ebenso einmalig und aufregend waren wie ihre böse Zunge und ihr scharfsinniger Witz. Doch privilegiert sie diejenigen Zeugen, die Sylvia Plath als eine komplizierte, selbstbezogene, verbissen ehrgeizige und obsessive Amerikanerin wahrgenommen haben, deren äußere, strahlend lächelnde Erscheinung einen Kern unerklärlicher Wut und Ängste verbarg. Unter einer Richtigstellung der Legende versteht Stevenson nicht die Darstellung der widersprüchlichen Seiten der jungen Künstlerin. Ihr Anliegen ist es, der Wut derer das Gewicht einer authentischen Zeugenschaft zuzugestehen, die sich von Plaths Sucht nach Aufmerksamkeit und Lob gekränkt fühlten.

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