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Rezension: Sachbuch : Maßstäbe für Messalina

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Ein Kenner der Materie: Franz Blei in einer Gesamtausgabe

          4 Min.

          Erfreulich ist es, dass jemand die Idee hatte, aus dem umfangreichen Werk von Franz Blei, diesem vielseitigen Zivilisationsliteraten par excellence, "Gesammelte Werke" zu edieren. Autoren wie Blei, die fleißig und witzig, gebildet und urban sind, mögen zwar oft Erfolg haben, dürfen aber nicht auf jenes leicht morbide Interesse rechnen, das allein den Weg zur Kanonisierung ebnet - nicht bei ihren Zeitgenossen und schon gar nicht bei der Nachwelt.

          Literarische Nachhaltigkeit ist immer noch eher gebunden an genialische Borniertheit, Tiefsinn und frühen Tod denn an den weltläufigen Humanismus, der Franz Blei zu Eigen war. Ein paar Exzentrizitäten, die sich dieser Wiener in München und dann bis zu seiner Emigration in Berlin geleistet hat, entschädigten nicht für seine kultivierte Souveränität. Die macht es Sponsoren und Lesern schwer, sich als Retter und Betroffene zu engagieren und zu erkennen. So kommt es, dass ein Autor, dessen Kanonisierung wünschenswert wäre, mit einer halbguten Auswahl und einer lustlosen Edition teils erweckt, teils beerdigt wird. Das Nachwort des Herausgebers besteht zum großen Teil aus Zitaten, gezogen aus Pressekritiken der zwanziger Jahre, und aus ein, zwei Memoiren. In meiner Schulzeit gab es die Kategorie der "Flüchtigkeitsfehler", die weniger zählten als die echten und schweren. Will man jedoch einen großartigen Literaten wie Blei wieder in die Gegenwart einführen, dann zeugen Flüchtigkeitsfehler und der Verzicht auf eine ernsthafte Werkausgabe von Lieblosigkeit und Defätismus, die beide ansteckend wirken.

          Vielleicht können einige Bemerkungen den Leser und vor allem die hier besonders gefragte Leserin gegen diese Schwächen immunisieren. Unterstellen wir einmal ein breites Spektrum von Gender Studies über normale Frauenforschung bis zur kommunen Neugier, die sich ungescheut auch dem Tratsch und Klatsch zuwendet, die weibliche Stars als Aura umgibt. Alle können bei Franz Blei unterhaltend angeregt werden, wenn sie nur bereit sind, die manisch-depressive Hermeneutik, welche der Feminismus obligat gemacht hat, einmal in Frage zu stellen. Viel wissen wir über das schreiende Unrecht, das Frauen in der Vergangenheit widerfahren ist, viel über das stille Leiden, manches über den Widerstand, den Mut und die Tapferkeit weiblicher Solitäre - nichts über das Glück und die Macht, die Frauen auch gekannt haben.

          Seinerzeit bezeichnete man Franz Blei (1871 bis 1942) als "Frauenkenner" - so, wie man bei Pferden, Bildern und Wein eine herablassend-geschmäcklerische Kennerschaft erwerben konnte, damals, als das verbürgerlichte Patriarchat in einer Scheinblüte stand, zu der auch Bleis Bücher über amoureuse Damen, die Erotik des Rokoko und zahlreiche Ratgeber beigetragen haben, in denen er die Kunst der Liebe predigte. Besser gesagt: beizutragen schien; denn heute imponiert Blei als Pionier einer Entwicklung, in der die gleiche und freie Stellung der Geschlechter die Frage nach der erotischen und sexuellen Beziehung zwischen ihnen sich für alle stellt, nicht bloß für die oberen zehntausend der höfischen Gesellschaft in London oder Versailles. Weit entfernt von dem Verdacht, ein altmodisches Schweinchen zu sein, das seine Obsessionen in die Geschichte zurückprojiziert, hat Blei die Hand am Puls der Gegenwart. In einem Porträt von Annette Kolb, das hier abgedruckt ist, erklimmt Blei die Einsicht, dass Frauen wie die Kolb, welche die Hysterie hinter sich gelassen haben, vom Mann mehr erwarten, als dass er den Verführer spielt, welcher seinerseits noch mit dem Dunkel des Mysteriösen, dem unbekannten Sex, kokettiert.

          Auf die Idee, dass Sozialpolitik die Beziehungen zwischen Männern und Frauen bestimmt, legte Blei keinen Wert. Er bestritt sie nicht, er erlebte nicht als zukunftsweisend, was wir heute besser wissen. Die Maßstäbe, die er an Messalina, Theodora (die Gattin Justinians), aber auch an der Dubarry, Angelika Kauffmann und Königin Luise (unter anderen Frauen der Geschichte) erprobt, gewinnt er aus der Überzeugung vom Wert der Differenz, über die sich die Geschlechter austauschen. Bleis harsches Urteil über George Sand stützt sich einesteils auf die Verachtung der Schriftstellerin Sand, die ein Lügengebäude aus der Vermengung von Literatur und Liebesleben errichtet habe; andernteils sei der soziale Hermaphroditismus, den sie im Alter zu predigen gut befand, nur eine peinliche Erinnerung an die Wahrheit von der jungen Hure, die zur alten Betschwester wird. Niemand glaube nun aber, dass Blei Belege für das konventionelle Wissen über die Herabwürdigung der Frauen im Patriarchat liefere. Als Sexualobjekte kommen sie nur in Betracht, insofern sie als freie Subjekte vorausgesetzt werden. Dass Lady Hamilton mit ihrer atemberaubenden Schönheit Nelson gewann, kann Blei nicht beirren. Wer nur schön ist und sonst nichts, der ist nicht schön. Ihr Name war größer als die dumme Person, die die Lady gespielt hat.

          Neben Lady Hamilton, George Sand, Elisabeth I. von England und Christine von Schweden wird mit Isadora Duncan eine moderne Ikone des Frauenaufbruchs aufgebügelt. Blei schwärmt für gütige, verschwenderische und leidenschaftliche Menschen mehr als für progressive Rechthaber, die es schon früher gegeben hat. Beeindruckend und Historikern als Lektüre zu empfehlen sind Bleis Ehrenrettungen der Madame Dubarry, der Mätresse Ludwigs XV., der Marie-Antoinette und der Mathilde Heine.

          Blei kam bei seinen Porträts ohne Fußnoten aus. Schöne Zeiten, wo die stilistische Selbstzerfleischung durch Prätention und Wissenschaftsdiplomatie noch nicht das sprachliche Feld des ambitionierten Sachbuchs beherrschte. Dabei zweifelt der Leser keinen Augenblick an der Autorität des Autors, der sich in der Mystik ebenso auskennt wie in den Salons des Ancien régime oder am Hof von Byzanz. Die großen Emigranten wie Walter Benjamin sind halbwegs wieder eingebürgert. Die Lücke, welche Leute mit Stil, aber ohne Logbuch hinterlassen haben, ist immer noch fühlbar. Bleis Stil ist ein Amalgam von Freiheit, Libertinage, Bildung und Witz. Stil bescheinigt Blei aber auch Mata Hari, von der er hofft, dass sie wenigstens zu Recht zum Tode verurteilt worden ist. Es wäre sonst zu schade um diese große Kurtisane der Neuzeit gewesen! Am Morgen vor ihrer Erschießung erkundigte sie sich nach dem Wetter, um den richtigen Mantel zu wählen. Vor Gericht soll sie den tiefgründigen Satz geäußert haben: "Der Krieg ist für mich kein Grund, den Kosmopolitismus aufzugeben." Der Satz passt auch zu Franz Blei, der ihn zitiert. Jedem opfersüchtigen Größenwahn abhold, war er, modern gesprochen, ein Pionier jener Individualisierung, die immer noch versucht, ihre eigene Moral, die zwischen den Geschlechtern besonders, neu zu erfinden. Die Frauenporträts von Blei sollten in dieser Diskussion unbedingt berücksichtigt werden.

          KATHARINA RUTSCHKY.

          Franz Blei: "Glanz und Elend berühmter Frauen". Gesammelte Werke. Band III. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rolf-Peter Baacke. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1998. 300 S., geb., 38,- DM.

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