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Rezension: Sachbuch : Maßstäbe für Messalina

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Auf die Idee, dass Sozialpolitik die Beziehungen zwischen Männern und Frauen bestimmt, legte Blei keinen Wert. Er bestritt sie nicht, er erlebte nicht als zukunftsweisend, was wir heute besser wissen. Die Maßstäbe, die er an Messalina, Theodora (die Gattin Justinians), aber auch an der Dubarry, Angelika Kauffmann und Königin Luise (unter anderen Frauen der Geschichte) erprobt, gewinnt er aus der Überzeugung vom Wert der Differenz, über die sich die Geschlechter austauschen. Bleis harsches Urteil über George Sand stützt sich einesteils auf die Verachtung der Schriftstellerin Sand, die ein Lügengebäude aus der Vermengung von Literatur und Liebesleben errichtet habe; andernteils sei der soziale Hermaphroditismus, den sie im Alter zu predigen gut befand, nur eine peinliche Erinnerung an die Wahrheit von der jungen Hure, die zur alten Betschwester wird. Niemand glaube nun aber, dass Blei Belege für das konventionelle Wissen über die Herabwürdigung der Frauen im Patriarchat liefere. Als Sexualobjekte kommen sie nur in Betracht, insofern sie als freie Subjekte vorausgesetzt werden. Dass Lady Hamilton mit ihrer atemberaubenden Schönheit Nelson gewann, kann Blei nicht beirren. Wer nur schön ist und sonst nichts, der ist nicht schön. Ihr Name war größer als die dumme Person, die die Lady gespielt hat.

Neben Lady Hamilton, George Sand, Elisabeth I. von England und Christine von Schweden wird mit Isadora Duncan eine moderne Ikone des Frauenaufbruchs aufgebügelt. Blei schwärmt für gütige, verschwenderische und leidenschaftliche Menschen mehr als für progressive Rechthaber, die es schon früher gegeben hat. Beeindruckend und Historikern als Lektüre zu empfehlen sind Bleis Ehrenrettungen der Madame Dubarry, der Mätresse Ludwigs XV., der Marie-Antoinette und der Mathilde Heine.

Blei kam bei seinen Porträts ohne Fußnoten aus. Schöne Zeiten, wo die stilistische Selbstzerfleischung durch Prätention und Wissenschaftsdiplomatie noch nicht das sprachliche Feld des ambitionierten Sachbuchs beherrschte. Dabei zweifelt der Leser keinen Augenblick an der Autorität des Autors, der sich in der Mystik ebenso auskennt wie in den Salons des Ancien régime oder am Hof von Byzanz. Die großen Emigranten wie Walter Benjamin sind halbwegs wieder eingebürgert. Die Lücke, welche Leute mit Stil, aber ohne Logbuch hinterlassen haben, ist immer noch fühlbar. Bleis Stil ist ein Amalgam von Freiheit, Libertinage, Bildung und Witz. Stil bescheinigt Blei aber auch Mata Hari, von der er hofft, dass sie wenigstens zu Recht zum Tode verurteilt worden ist. Es wäre sonst zu schade um diese große Kurtisane der Neuzeit gewesen! Am Morgen vor ihrer Erschießung erkundigte sie sich nach dem Wetter, um den richtigen Mantel zu wählen. Vor Gericht soll sie den tiefgründigen Satz geäußert haben: "Der Krieg ist für mich kein Grund, den Kosmopolitismus aufzugeben." Der Satz passt auch zu Franz Blei, der ihn zitiert. Jedem opfersüchtigen Größenwahn abhold, war er, modern gesprochen, ein Pionier jener Individualisierung, die immer noch versucht, ihre eigene Moral, die zwischen den Geschlechtern besonders, neu zu erfinden. Die Frauenporträts von Blei sollten in dieser Diskussion unbedingt berücksichtigt werden.

KATHARINA RUTSCHKY.

Franz Blei: "Glanz und Elend berühmter Frauen". Gesammelte Werke. Band III. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rolf-Peter Baacke. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1998. 300 S., geb., 38,- DM.

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