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Rezension: Sachbuch : Madonna aller Preußen

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Günter de Bruyn bürgt für die Reize Königin Luises

          4 Min.

          Herrscherporträts gibt es, weil es sie geben muß. Die Galerie der Könige, Machthaber, Repräsentanten folgt den Geboten der Opportunität und der Chronistenpflicht, meist auch dem Geltungsdrang der Dargestellten. Bei Königin Luise von Preußen scheint der Fall anders zu liegen; hier forderte Ausstrahlung ihren Tribut. Die mecklenburgische Prinzessin, die 1793 als Braut des preußischen Kronprinzen in Berlin Einzug hielt, des vier Jahre später zum König gekrönten Friedrich Wilhelm III., beeindruckte schon bei der nach altem Hofzeremoniell abgehaltenen Hochzeitsfeier durch ihr unprätentiöses Auftreten. Ihre vielgerühmte "Natürlichkeit" ließ sie zum Kunstgegenstand werden, zur Ikone Preußens schlechthin.

          Die junge Königin war förmlich umringt von Künstlern und Dichtern, die ihr Huldigungen im Übermaß darbrachten. Schadows "Prinzessinnengruppe", noch von Luises Schwiegervater Friedrich Wilhelm II. bestellt, zeigt sie mit ihrer Schwester Friederike; zärtlich aneinandergeschmiegt, mit hochgegürteten Gewändern, für deren figurbetonende Formen der Bildhauer "nach der Natur" hatte Maß nehmen dürfen. Sogar die von Schadow ersonnene Kinnbinde Luises, mit der eine vorübergehende Schwellung am Hals kaschiert werden sollte, wurde von anderen Porträtisten übernommen und verbreitete sich bald als elegante Modeerscheinung. Doch auch auf spirituell empfängliche Gemüter wirkte die Königin anziehend. Luises Bild in deutschen Wohnzimmern könne, so schwärmt Novalis, "das gewöhnliche Leben veredeln" wie sonst nur "ächte Religiosität", an deren Stelle nun "ächter Patriotismus" entstehen werde. Sein Dichterkollege Jean Paul, der sich des Vorzugs von Luises persönlicher Bekanntschaft erfreute, pries nach dem frühen Tod der Königin 1810 ihre Seelenschönheit und Frömmigkeit.

          Postum zog Königin Luise eine beständig wachsende Zahl von Porträts und biographischen Miniaturen auf sich. Gedichte und Schauspiele wurden ihr gewidmet, Gemälde und Standbilder verherrlichten ihre Gestalt. Mit der Trauer verband sich die Stilisierung der Verstorbenen zur patriotischen Märtyrerin. Daß sie nach Preußens Niederlage 1806 vor den anrückenden französischen Truppen nach Ostpreußen hatte fliehen müssen und erst kurz vor ihrem Tod wieder zurückkehren konnte, wurde mit ihrem überraschenden Ableben in ursächlichen Zusammenhang gebracht. Sie konnte nicht an Lungenentzündung gestorben sein, sondern nur an gebrochenem Herzen. Zur Schutzpatronin der Gegenoffensive erkor sie der König höchstselbst durch die Stiftung des Eisernen Kreuzes, die er 1813 auf den Geburtstag Luises rückdatierten ließ. Doch nicht eine martialische Brünhild, sondern die mariengleiche Gestalt der edlen Dulderin wurde für die Luisen-Ikonographie prägend. Noch gefragter waren die mütterlichen Züge, nachdem Luises Sohn Wilhelm zum deutschen Kaiser gekrönt wurde. Fritz Schapers Statue von Mutter und Kind, die als "Preußische Madonna" populär wurde, gab 1897 das Pestalozzi-Fröbel-Haus in Auftrag. Mit Luise sollten nun, schon weitab von der dynastischen Tradition, die Ideale der Pflege und Fürsorge beworben werden. Caritative Stiftungen führten ihren Namen ebenso wie Schulen und Krankenhäuser.

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