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Rezension: Sachbuch : Macht hoch die Tür, die Tor macht weiter

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Altes katholisches Liedgut, einmalig: Die überlieferten Formen der kirchlichen Feier ziehen wieder mehr Gläubige und sogar Theologen an

          11 Min.

          In vielen Städten Süddeutschlands werden für Fronleichnamsprozessionen neuerdings wieder Durchgangsstraßen gesperrt. Tausende von Gläubigen und Neugierigen ziehen singend, betend und staunend zu den Straßenaltären, bewundern die liebevollen Blumenarrangements und erfreuen sich am virtuosen Umgang der Messdiener mit dem qualmenden Weihrauchfass, der in einem beherzten Kopfüberschwung kulminiert. So manchem kritischen Theologen stockt da der Atem. Sind alle Versuche, das Kirchenvolk zu einer besonnenen Frömmigkeit zu erziehen, gescheitert? Gehen in solchen religiösen Praktiken gar die ökumenischen Bemühungen mitsamt ihren theologischen Konsensformeln in (Weih-)Rauch auf? Oder ist es einfach nach Jahrzehnten pädagogischer Ernüchterung wieder an der Zeit, das Exotische im Eigenen, den Zauber des Rituals und das befremdende Wunder religiöser Formen zu entdecken?

          In Mitteleuropa spricht nicht das Geringste für das Wiederaufleben eines aggressiven Konfessionalismus. Es scheint vielmehr, als habe das spätmoderne Interesse an Riten und Rhythmen, Feier und Kult, an einer "Ästhetik der Existenz" (Foucault) nun auch die Kirche erfasst, die gerade dabei war, sich in den Ruinen der Tradition einzurichten, versehen mit einer Notration des Glaubens, die aus einer Hand voll Imperativen, ein paar verschonten Zeremonien und der Erinnerung an ein historisches Vorbild namens Jesus aus Nazareth bestand.

          Auch wenn sich Zeitgeist und Heiliger Geist oft nur schwer auseinander halten lassen, wäre es vielleicht zu einfach, das Interesse an Liturgie als eine Laune der Spaßgesellschaft verächtlich zu machen, die nicht nur schöner wohnen und essen, sondern auch schöner glauben und kulten will. Nach Jahrzehnten, in denen es für viele Theologen galt, die Welt zu verändern, und jede Beschäftigung mit dem "Religiösen" als reaktionär galt, scheint sich allmählich die Einsicht durchzusetzen, dass (kirchen-)politisches Engagement und Arbeit an spirituell-ästhetischen Ausdrucksformen keine unversöhnlichen Gegensätze darstellen müssen, dass sie vielmehr aus derselben Quelle des Glaubens gespeist werden. Dieser Quelle, "aus der all ihre Kraft strömt", wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, versichert sich die Kirche jedoch nicht in erster Linie in intersubjektivem Austausch, in Meetings und Diskussionen, sondern in kultischer "Realisation". Insofern bleibt Liturgie, besonders die Eucharistie, jeder politischen und sozialen Caritas zwar nicht über-, aber "wesensmäßig" vorgeordnet.

          An theologischen Fakultäten erfreut sich die lange marginalisierte Liturgiewissenschaft, ganz wie es das Konzil empfahl, vereinzelt wieder der Hochschätzung eines theologischen Hauptfachs. Auch die Systematische Theologie hat begonnen, die Liturgie nicht länger als Anwendungsdisziplin zu betrachten, sondern "als Quelle theologischer Erkenntnis". Exemplarisch sind die "poetisch-dogmatischen" Werke des Kölner Theologen Alex Stock, die, inspiriert von jüdischer Religionsphilosophie, versuchen, "der liturgischen Gestaltung der religiösen Wirklichkeiten ihr Geheimnis abzuhören" (Scholem). Dieser lebensweltliche Ansatz zählt die Liturgie in ihren offiziellen und halb offiziellen Spielarten zu den im weiteren Sinne "poetischen" Quellen des Christentums. In Liedern, Bildern, Messformularen und Gebeten äußert sich für Stock eine außerordentliche "kulturelle Kreativität", die weniger auf zupackende Bekenntnisse aus ist als darauf, in ebenso vorläufigen wie gültigen Formen religiöse Erfahrung zu artikulieren.

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