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Rezension: Sachbuch : Machen fünf Gebote schon einen halben Moses?

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Der Ethiker Peter Singer bringt seine Überlegungen zum Leben und Sterben zum Abschluss

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          Als Peter Singers "Praktische Ethik" 1994 in zweiter Auflage auf Deutsch erschien, enthielt sie ein ungewöhnliches Nachwort: "Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird". Das klang etwas paradox in einem Buch, das immerhin in Reclams Universalbibliothek Platz fand, aber tatsächlich waren Auftritte Singers und Veranstaltungen zu seinen Thesen in den Jahren zuvor vehement gestört und zuweilen mit Gewalt verhindert worden. Der gesprächsverweigernde Protest richtete sich dabei nicht gegen Singers schon früh in seinem Buch "Animal Liberation" entwickelte tierethische Überlegungen, sondern gegen seine Auffassungen zur Sterbehilfe sowie zum Lebensrecht von Föten und Neugeborenen. Ebenfalls 1994 brachte der australische Moralphilosoph, der seit kurzem in Princeton lehrt, diesen Teil seines Denkens mit "Rethinking Life and Death" zu einem vorläufigen Abschluss.

          Dessen Lektüre bringt wieder einmal Gewinn, gerade dort, wo sie zum Widerspruch reizt. Denn eines sollten auch die schärfsten Kritiker Singer zugute halten: Er macht moralische Konflikte als solche deutlich und versteckt sie nicht hinter subtiler Begriffsakrobatik. Nur so waren provokante Sätze wie in der "Praktischen Ethik" möglich, das Leben eines Neugeborenen habe "für dieses weniger Wert als das Leben eines Schweins, eines Hundes oder eines Schimpansen für das nichtmenschliche Tier". Gegen solche Behauptungen wehren sich unsere moralischen Intuitionen ebenso wie unsere religiösen Traditionen. Mit Entrüstung oder Bibelverweis ist es aber nicht getan: Es gilt auch eine Antwort darauf zu finden, warum wir Neugeborenen immer noch ein absolutes Lebensrecht zugestehen, in unserer Rechtsordnung aber die Tötung menschlichen Lebens unter Umständen bis unmittelbar vor der Geburt straffrei lassen. Vielleicht muss die Antwort lauten, dass beides nicht miteinander vereinbar ist.

          An den Widersprüchen der herkömmlichen Moral und Rechtsethik im Umgang mit medizinethischen Problemen setzt Singer den Hebel an, um das Gebäude der abendländischen Ethik zum Einsturz zu bringen. Anhand zahlreicher Fallstudien zeigt er auf, dass die uneingeschränkte "Heiligkeit" des menschlichen Lebens und die Vorstellung, dieses habe in jedem Stadium den gleichen absoluten Wert, in der Praxis nur schwer zu verteidigen sind oder de facto schon gar nicht mehr als Richtlinie dienen. Konstruktionen wie die Unterscheidung zwischen gewöhnlichen und außergewöhnlichen Behandlungsmethoden oder zwischen (immer verbotener) aktiver und (erlaubter) passiver Sterbehilfe sind nach Singer bloß argumentativ unhaltbare und auf Dauer aussichtslose Versuche zur Rettung der bisherigen Grundannahmen. Einen der problematischsten Rettungsversuche stellt für ihn die Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod des Menschen dar, und mancher Hirntod-Kritiker wird sich wundern, in diesem Punkt von Singer unterstützt zu werden.

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