https://www.faz.net/-gqz-6qk2y

Rezension: Sachbuch : Lyrik läßt die Schalter summen

  • Aktualisiert am

Karl Eibl belehrt über die Entstehung der Poesie

          4 Min.

          Das Träumerische und Visionäre, das die unduldsamsten Begriffe in die Welt setzt, stand in der deutschen Wissenschaft von der Literatur seit jeher hoch im Kurs, aber in der intellektuellen Geschichte folgt den spekulativen Aufschwüngen und Abstürzen immer noch der Ruf nach Logik, historischer Evidenz und kritischer Analyse. Ich lese deshalb das neue Buch über die Entwicklung der Poesie, in welchem Karl Eibl der Achtundsechziger-Epoche monotoner Utopien den Abschied gibt, mit Sympathie und Respekt für seine strenge Bemühung, theoretisch noch einmal von vorne zu beginnen, ohne Hegel und Lukács, eher mit Niklas Luhmann, Sir Karl Popper und anderen kritischen Rationalisten.

          Karl Eibl stützt sich auf die neuere Biologie, die Systemtheorie und die Informatik, wenn nicht gar auf marktwirtschaftliche Prinzipien von Angebot und Nachfrage, um zu prüfen, wie die moderne Literatur entsteht und welche ihre Organisationsformen sind; und aus diesem Grunde nehme ich auch seine anthropologischen Hinweise auf Orang-Utans, Holzkisten und Bananen gerne in Kauf. Auch in der Germanistik möchte man Ungewohntes hören, und Karl Eibl geht es vor allem darum, an seiner "Zweistämmigkeit" aller menschlichen Tätigkeiten, auch in der Poesie, festzuhalten, an biologischen Dispositionen und kulturellen Konditionierungen zugleich. Er verbannt den reinen Wilden ohne jegliche Kultur ebenso aus dem Gespräch wie die "kulturelle Person" ohne genetische Anlage und akzentuiert das komplizierte Doppelte aller Menschwerdungen. Ob ihm die Feministinnen gerade dieses abstrakte Doppelte abnehmen werden, ist eine andere Frage.

          Allerdings ist Eibls Biologie nicht in einem schulmäßigen Satz zu fassen, denn sie umschließt, immer in lebhaften Prozessen, die Lust an Spannung, die Anlage dazu, "die Dinge anders zu verteilen", und, nicht zuletzt, die Begabung für eine Sprache, in der auch das Abwesende genannt zu werden vermag. Entscheidend bleibt, daß sich der Mensch, dieses widersprüchliche Dispositionsbündel (es mag in der Praxis Baudelaire oder Ludwig Ganghofer heißen), als Kulturperson mit einer "Nicht-Welt" konfrontiert findet, mit dem "Anderen, Undefinierten, Unbestimmten", der Sphäre des Konjunktivs und des "Es könnte auch anders sein"; und indem die menschlichen Dispositionsbündel diese Nicht-Welt zu füllen suchen, tun sie das mit Materialien, die ihnen nicht ferne liegen, mit "ungelösten Problemen" von Gesellschaft, Liebe und Tod.

          Die Nicht-Welt wird also mit ziemlich alten Möbeln ausstaffiert, die aber im fahleren Licht anders aussehen (Eibl meint immer noch "verfremdet"). Die Frage liegt nahe, wie man von Welt und Nicht-Welt zu Goethes "Sah ein Knab' ein Röslein stehn" hingelangt. Die Antwort auf diese Frage ist nicht schwer; sobald nämlich Eibl den Vorhang vor seiner Szene historischer Entwicklungen aufzieht, sieht man sogleich, daß er mit den wohlbekannten Kulissen aus dem älteren Fundus der Germanistik arbeitet. Er hat sie allerdings mit einem feinen Pinsel restauriert.

          Die Frage nach der Poesie in Dantes Commedia oder in Shakespeares Sonetten ist leider müßig. Eibls Poesie ist die moderne Literatur der Deutschen, die im frühen achtzehnten Jahrhundert ihren Anfang nimmt oder gar nehmen muß. Die Religion, die bisher die Nicht-Welt füllte, verliert an Überzeugungskraft, und in ihre Sphäre schieben sich die neue Prosa, das Drama und gelegentlich die Lyrik. Diese Poesie ist also weltlich, denkend, bürgerlich und deutsch, aber Eibls historisches Panorama hat die überzeugende Tugend, nicht mehr an einem uniformen Begriff der Bourgeoisie festzuhalten (wie es die Marxisten liebten), sondern das Bürgerliche zu differenzieren und zu zeigen, daß das sogenannte deutsche Bürgertum aus vielen diffusen Gruppierungen bestand, die eine "gemeinsame Orientierung" suchten.

          Um 1730 und dann wieder um 1770, an besonderen Krisenpunkten, werden bestimmte Gedanken aus dem Angebot "selektiert" und zu sozialen Dienstleistungen "aktualisiert"; der Dichter als eine Art Problembeauftragter. Die zerstreute Bürgerlichkeit gelangt durch Literatur zur Einheit - die gefüllte Nicht-Welt also, nicht die Welt, konstituiert die Bourgeoisie, nicht umgekehrt. Das alte marxistische Schema steht kopf, Kultur als Basis, Bürgerlichkeit als Überbau, aber das Poetische in seiner Sprachform hat noch immer keine Chance, sich zu sich selber zu befreien. Der Wert der Literatur liegt eben in der "Problemkapazität", und deshalb ist auch ein Nebeneinander vieler Werke funktionaler und besser, denn es ist eher geeignet, auf einen gesellschaftlichen "Consensus" hinzuweisen. Die Literatur ist noch einmal, oder schon wieder, eine Magd der Geschichte, auf die es eigentlich ankommt.

          Eibls Terminologie ist in ihrer eigenen Polemik gegen die Erbschaft des deutschen Idealismus verstrickt, links oder rechts, und die Absolventen humanistischer Gymnasien haben nichts zu lachen. Da wird nun "ab-" und "rückgekoppelt" (gelegentlich "abgepuffert"), daß die Funken stieben, und "Schalter" summen in den "vernetzten Systemen". In eleganten Entlehnungen aus der angelsächsischen Soziologie revoltieren die "Kohorten" (cohorts) der Stürmer und Dränger als erste deutsche Jugendbewegung und signalisieren in ihren "emergenten" Büchern einen Wandel der Probleme.

          Charakteristisch, daß die Literatur, um die es geht, nur in Beispielen, Schlaglichtern und Illuminationen erscheint. So viele neue Theorie! So viele alte Praxis! Und die veränderte Optik rückt keinen einzigen überraschenden Text ins hellere Blickfeld, sondern begnügt sich mit dem deutschen Bildungskanon, den Eibl allerdings als bewährter Herausgeber Lessings und Goethes auf das genaueste kennt. Man kann über seine Kommentare zu Lessings "Minna von Barnhelm", "Emilia Galotti" und den "Nathan" zuzeiten streiten (Emilia Galotti ist nur "verführbar", wenn man ihr aufs Wort glaubt), aber sie korrigieren die Bequemlichkeiten unserer hergebrachten Lektüre durch unbestechliche Nüchternheit und nützliche Einsicht.

          Es gibt interessante und gelehrte Bücher, die durch die unverdeckbare Kluft zwischen Theorie und interpretativer Praxis eher zum Nachdenken provozieren als die glatte Fugenlosigkeit eines unangreifbaren Argumentes. Eibls Entwicklungsgeschichte der neueren deutschen Literatur in der Epoche der Aufklärung und der Klassik ist eines von ihnen. PETER DEMETZ

          Karl Eibl: "Die Entstehung der Poesie". Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1995. 327 S., geb., 44,- DM.

          Weitere Themen

          Wert ohne Muster

          Politik nach Christoph Möllers : Wert ohne Muster

          Gegen Burkaträgerinnen wie gegen Rechtspopulisten wird die Wertegemeinschaft beschworen. Der Jurist Christoph Möllers setzt gegen solche normativen Redensarten ein kognitives Verständnis von liberaler Politik.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.