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Rezension: Sachbuch : Lyrik läßt die Schalter summen

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Karl Eibl belehrt über die Entstehung der Poesie

          Das Träumerische und Visionäre, das die unduldsamsten Begriffe in die Welt setzt, stand in der deutschen Wissenschaft von der Literatur seit jeher hoch im Kurs, aber in der intellektuellen Geschichte folgt den spekulativen Aufschwüngen und Abstürzen immer noch der Ruf nach Logik, historischer Evidenz und kritischer Analyse. Ich lese deshalb das neue Buch über die Entwicklung der Poesie, in welchem Karl Eibl der Achtundsechziger-Epoche monotoner Utopien den Abschied gibt, mit Sympathie und Respekt für seine strenge Bemühung, theoretisch noch einmal von vorne zu beginnen, ohne Hegel und Lukács, eher mit Niklas Luhmann, Sir Karl Popper und anderen kritischen Rationalisten.

          Karl Eibl stützt sich auf die neuere Biologie, die Systemtheorie und die Informatik, wenn nicht gar auf marktwirtschaftliche Prinzipien von Angebot und Nachfrage, um zu prüfen, wie die moderne Literatur entsteht und welche ihre Organisationsformen sind; und aus diesem Grunde nehme ich auch seine anthropologischen Hinweise auf Orang-Utans, Holzkisten und Bananen gerne in Kauf. Auch in der Germanistik möchte man Ungewohntes hören, und Karl Eibl geht es vor allem darum, an seiner "Zweistämmigkeit" aller menschlichen Tätigkeiten, auch in der Poesie, festzuhalten, an biologischen Dispositionen und kulturellen Konditionierungen zugleich. Er verbannt den reinen Wilden ohne jegliche Kultur ebenso aus dem Gespräch wie die "kulturelle Person" ohne genetische Anlage und akzentuiert das komplizierte Doppelte aller Menschwerdungen. Ob ihm die Feministinnen gerade dieses abstrakte Doppelte abnehmen werden, ist eine andere Frage.

          Allerdings ist Eibls Biologie nicht in einem schulmäßigen Satz zu fassen, denn sie umschließt, immer in lebhaften Prozessen, die Lust an Spannung, die Anlage dazu, "die Dinge anders zu verteilen", und, nicht zuletzt, die Begabung für eine Sprache, in der auch das Abwesende genannt zu werden vermag. Entscheidend bleibt, daß sich der Mensch, dieses widersprüchliche Dispositionsbündel (es mag in der Praxis Baudelaire oder Ludwig Ganghofer heißen), als Kulturperson mit einer "Nicht-Welt" konfrontiert findet, mit dem "Anderen, Undefinierten, Unbestimmten", der Sphäre des Konjunktivs und des "Es könnte auch anders sein"; und indem die menschlichen Dispositionsbündel diese Nicht-Welt zu füllen suchen, tun sie das mit Materialien, die ihnen nicht ferne liegen, mit "ungelösten Problemen" von Gesellschaft, Liebe und Tod.

          Die Nicht-Welt wird also mit ziemlich alten Möbeln ausstaffiert, die aber im fahleren Licht anders aussehen (Eibl meint immer noch "verfremdet"). Die Frage liegt nahe, wie man von Welt und Nicht-Welt zu Goethes "Sah ein Knab' ein Röslein stehn" hingelangt. Die Antwort auf diese Frage ist nicht schwer; sobald nämlich Eibl den Vorhang vor seiner Szene historischer Entwicklungen aufzieht, sieht man sogleich, daß er mit den wohlbekannten Kulissen aus dem älteren Fundus der Germanistik arbeitet. Er hat sie allerdings mit einem feinen Pinsel restauriert.

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