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Rezension: Sachbuch : Lyrik läßt die Schalter summen

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Die Frage nach der Poesie in Dantes Commedia oder in Shakespeares Sonetten ist leider müßig. Eibls Poesie ist die moderne Literatur der Deutschen, die im frühen achtzehnten Jahrhundert ihren Anfang nimmt oder gar nehmen muß. Die Religion, die bisher die Nicht-Welt füllte, verliert an Überzeugungskraft, und in ihre Sphäre schieben sich die neue Prosa, das Drama und gelegentlich die Lyrik. Diese Poesie ist also weltlich, denkend, bürgerlich und deutsch, aber Eibls historisches Panorama hat die überzeugende Tugend, nicht mehr an einem uniformen Begriff der Bourgeoisie festzuhalten (wie es die Marxisten liebten), sondern das Bürgerliche zu differenzieren und zu zeigen, daß das sogenannte deutsche Bürgertum aus vielen diffusen Gruppierungen bestand, die eine "gemeinsame Orientierung" suchten.

Um 1730 und dann wieder um 1770, an besonderen Krisenpunkten, werden bestimmte Gedanken aus dem Angebot "selektiert" und zu sozialen Dienstleistungen "aktualisiert"; der Dichter als eine Art Problembeauftragter. Die zerstreute Bürgerlichkeit gelangt durch Literatur zur Einheit - die gefüllte Nicht-Welt also, nicht die Welt, konstituiert die Bourgeoisie, nicht umgekehrt. Das alte marxistische Schema steht kopf, Kultur als Basis, Bürgerlichkeit als Überbau, aber das Poetische in seiner Sprachform hat noch immer keine Chance, sich zu sich selber zu befreien. Der Wert der Literatur liegt eben in der "Problemkapazität", und deshalb ist auch ein Nebeneinander vieler Werke funktionaler und besser, denn es ist eher geeignet, auf einen gesellschaftlichen "Consensus" hinzuweisen. Die Literatur ist noch einmal, oder schon wieder, eine Magd der Geschichte, auf die es eigentlich ankommt.

Eibls Terminologie ist in ihrer eigenen Polemik gegen die Erbschaft des deutschen Idealismus verstrickt, links oder rechts, und die Absolventen humanistischer Gymnasien haben nichts zu lachen. Da wird nun "ab-" und "rückgekoppelt" (gelegentlich "abgepuffert"), daß die Funken stieben, und "Schalter" summen in den "vernetzten Systemen". In eleganten Entlehnungen aus der angelsächsischen Soziologie revoltieren die "Kohorten" (cohorts) der Stürmer und Dränger als erste deutsche Jugendbewegung und signalisieren in ihren "emergenten" Büchern einen Wandel der Probleme.

Charakteristisch, daß die Literatur, um die es geht, nur in Beispielen, Schlaglichtern und Illuminationen erscheint. So viele neue Theorie! So viele alte Praxis! Und die veränderte Optik rückt keinen einzigen überraschenden Text ins hellere Blickfeld, sondern begnügt sich mit dem deutschen Bildungskanon, den Eibl allerdings als bewährter Herausgeber Lessings und Goethes auf das genaueste kennt. Man kann über seine Kommentare zu Lessings "Minna von Barnhelm", "Emilia Galotti" und den "Nathan" zuzeiten streiten (Emilia Galotti ist nur "verführbar", wenn man ihr aufs Wort glaubt), aber sie korrigieren die Bequemlichkeiten unserer hergebrachten Lektüre durch unbestechliche Nüchternheit und nützliche Einsicht.

Es gibt interessante und gelehrte Bücher, die durch die unverdeckbare Kluft zwischen Theorie und interpretativer Praxis eher zum Nachdenken provozieren als die glatte Fugenlosigkeit eines unangreifbaren Argumentes. Eibls Entwicklungsgeschichte der neueren deutschen Literatur in der Epoche der Aufklärung und der Klassik ist eines von ihnen. PETER DEMETZ

Karl Eibl: "Die Entstehung der Poesie". Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1995. 327 S., geb., 44,- DM.

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