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Rezension: Sachbuch : Luftschloß namens New Economy

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Alter Wein in neuen Bräuchen

          Eine Woche vor Erscheinen des Buches "Arbeit neu denken" erschien in dieser Zeitung das Ergebnis einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zu den Erwartungen der Deutschen an die Gesellschaft des Jahres 2010 (F.A.Z. vom 16. August). Demnach macht 71 Prozent der Befragten Sorge, daß die Gesellschaft kälter und egoistischer werde; knapp mehr als die Häfte befürchtet, daß sich in Zukunft nur noch die Starken durchsetzen können; nicht einmal ein Viertel rechnet mit höherer Risikobereitschaft; und gerade einmal sechs Prozent glauben, daß es mehr Solidarität geben wird. Das deutsche Volk ist ein Volk von Skeptikern.

          Nicht seine Wirtschaftstheoretiker. Ihr Herz erfreut alles, was neu und englisch klingt, und am beliebtesten ist demnach eine Konzeption, der das Etikett "new" angehängt werden kann: zum Beispiel die "New Economy". Nun haben naive deutsche Autoren sich bereits an einer Übersetzung des Terminus versucht, und man sollte meinen, daß sich dabei keine unüberwindlichen Schwierigkeiten auftäten. Weit gefehlt! "Es könnte sein, daß wir am Beginn einer neuen Zeitrechnung stehen, die angetrieben wird durch jene Neue Ökonomie, die mit dem englischen Synonym New Economy zutreffender beschrieben ist, weil ,Economy' eine ganzheitlichere, die Technik und die Mentalität reflektierende Sichtweise des Menschen und der Art seines Wirtschaftens widerspiegelt." Aha. Aber kann man von einem Synonym sprechen, wenn der betreffende Begriff etwas anderes aussagt? Und wieso ist die "Economy", in der doch der griechische "Nomos" steckt - also das Gesetz -, plötzlich eine Sichtweise und keine Ordnung mehr? Rätsel über Rätsel schon in einem einzigen Satz, den Dagmar Deckstein und Peter Felixberger aufgeschrieben haben.

          Entnommen ist er deren bereits erwähntem neuen Buch (Dagmar Deckstein, Peter Felixberger: "Arbeit neu denken". Wie wir die Chancen der New Economy nutzen können. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2000. 222 S., geb., 49,80 DM). Schon der exorbitante Preis der schmalen Publikation beweist, daß zumindest die Autoren die Chancen der New Economy zu nutzen verstehen. Gute Aussichten also für den Leser. Aber bereits die Einleitung läßt die Lektüre stocken. Da wird munter auf die Vereinigten Staaten eingedroschen: "Aktienrausch und Internet-Hype - ist das die neue Wirtschaft?"

          Wer so fragt, weiß die Antwort längst: "Nein! New Economy ist viel mehr." Viel mehr vor allem, als sich die amerikanischen Erfinder des Begriffs darunter offenbar vorstellen können. Solch eine Behauptung ist selbstverständlich legitim; warum sollte man ein Buch schreiben, wenn das Thema längst erschöpft wäre? Aber was genau bedeutet denn "viel mehr"? Geld ja wohl kaum. Chancen vielleicht, so dürfte man nach dem Untertitel vermuten. Aber was soll all das vage Gerede von Chancen? New Economy "bedeutet einen fundamentalen Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft". Gut, aber das haben Aktienrausch und Internet-Hype doch auch schon geschafft. Dann endlich (Seite 12) liest man vom "deutschen Weg der New Economy". Sonderbar: Es gibt kein deutsches Wort, aber einen deutschen Weg, und der beruht - wir sind schon wieder siebzehn Seiten weiter - auf dem "deutschen Solidaritätsherzen".

          Jetzt ist es heraus. Der deutsche Weg beruht auf Gegenseitigkeit. Der Vertragsentwurf der neuen Gesellschaft, die seltsamerweise nirgendwo New Society genannt wird, kann nur im grundsolidarischen Deutschland formuliert werden, und Felixberger tut es in seinem separat verfaßten Schlußwort: "Alle stärken sich zum Wohle aller gegenseitig." 206 Seiten haben wir bis dahin lesen müssen.

          Haben wir glauben können, was die Kollegin von der "Süddeutschen Zeitung" und der Leiter des Redaktionsbüros "Wort und Tat" aufgeschrieben haben? Nicht wirklich. Wer von einem "linearen Pfad" schwadroniert, der "in seinen Verästelungen" nicht zum Vorbild tauge, dessen Denken wird womöglich selbst einige Umwege gemacht haben. Zum Beispiel bei der Aufnahme einer Grafik, die laut Überschrift Auskunft darüber geben sollte, "wieviel Kapital die Venture-Kapital-Gesellschaften investiert haben". Doch dann kann man dem hübschen Balkendiagramm lediglich ablesen, wie viele Beteiligungen die jeweiligen Unternehmen eingegangen sind. Über deren Höhe aber erfährt man nichts.

          Das sind nur Schönheitsfehler. Was uns wirklich skeptisch stimmt, ist der Skeptizismus unserer Landsleute. Wer soll den deutschen Weg denn ebnen, wenn 71 Prozent schon bibbern, wenn sie ans soziale Klima des Jahres 2010 denken? Woher Solidarität nehmen, wenn 94 Prozent ohnehin nicht damit rechnen, daß es mehr davon geben wird - sie alle wären doch dumm, ihrem Gegenüber einen Solidaritätsbonus einzuräumen, der sich niemals auszuzahlen verspricht. Und wo sollen all die wagemutigen Unternehmer ihrer selbst herkommen, wenn nur ein Viertel aller Deutschen mit vermehrter Risikobereitschaft rechnet? Was gegen die Ergebnisse von Decksteins und Felixbergers Zukunftsforschung spricht, ist die Zukunftsangst derjenigen, die sie zur Erfüllung ihrer Prognose brauchen. Womöglich ist es doch etwas naiv, ein ganzes Volk zu einem Körper zu erklären, in dem das Solidaritätsherz kräftig pocht. Uns scheint vielmehr, es droht Infarktgefahr.

          "Was jetzt zählt, sind Vision und zunehmend auch immer stärker Luftschlösser, sie sollen bald mehr als das Produkt gelten, das irgendwann einmal die Wertschöpfung erbringen soll." So deklariert es das Porträt eines (österreichischen) Gewährsmanns für Decksteins und Felixbergers New Economy à l'allemande. Die beiden Autoren glauben daran, wie ihr Buch beweist. Unglücklicherweise ist letzteres wieder ein Produkt. Ob es wohl Wert schöpfen wird?

          ANDREAS PLATTHAUS

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