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Rezension: Sachbuch : Löwen-Mensch, Keltenfürst, Speisezettel

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Was bis dahin geschichtsbegeisterte Laien oder engagierte Mitglieder historischer Vereine vielerorts für die archäologische Erforschung Deutschlands geleistet hatten, erhielt im Oktober 1902 mit der Gründung der Römisch-Germanischen Kommission (RGK) in Frankfurt am Main, einer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, die verdiente Anerkennung.

          Was bis dahin geschichtsbegeisterte Laien oder engagierte Mitglieder historischer Vereine vielerorts für die archäologische Erforschung Deutschlands geleistet hatten, erhielt im Oktober 1902 mit der Gründung der Römisch-Germanischen Kommission (RGK) in Frankfurt am Main, einer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, die verdiente Anerkennung. Nicht mehr länger standen die Ausgrabungen und Publikationen unter dem Verdacht, das Werk von Dilettanten zu sein, wie Koryphäen der Altertumswissenschaften - Theodor Mommsen etwa - noch wenige Jahre zuvor behauptet hatten. Eine solche Fehleinschätzung ist eigentlich nur vor dem Hintergrund einer damals alles dominierenden Wertschätzung der griechisch-römischen Antike in den klassischen Mittelmeerländern zu verstehen - Troia und Mykene, Olympia und Pergamon waren offensichtlich der Maßstab, nicht die römischen Provinzen oder die dichten Wälder Germaniens, nicht die Megalithgräber im Norden oder gar die Spuren der ersten Menschen.

          Zum Jubiläum ist soeben das Buch "Spuren der Jahrtausende - Archäologie und Geschichte in Deutschland" erschienen, das von Wissenschaftlern der RGK explizit nicht für die Fachwelt, sondern für eine breite Öffentlichkeit geschrieben wurde. Kein einfaches Unterfangen, und ein - im Vergleich zu den angelsächsischen Ländern - hierzulande eher seltenes. Das Thema, nämlich die weit mehr als 400 000 Jahre lange Geschichte des Menschen in Deutschland von seinem ersten Auftreten bis ins Mittelalter zu erzählen, ist umfassend und anspruchsvoll. Aber um es vorwegzunehmen: Die Aufgabe ist mit staunenswerter Bravour gelungen.

          Auf der Reise durch die Jahrtausende begegnet der Leser dem Neandertaler und dem Steinzeitmenschen, lernt er die Lebensverhältnisse vor mehr als zehntausend Jahren kennen, aber auch frühe Kunstzeugnisse, wie etwa den aus Elfenbein gearbeiteten "Löwen-Mensch". Er trifft im sechsten vorchristlichen Jahrtausend die nach ihren Gefäßverzierungen bezeichneten "Bandkeramiker", die ältesten Bauern, und lernt die revolutionierenden Folgen der planvollen Produktion von Nahrung für Mensch und Tier kennen. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Funden und Befunden, die in den letzten Jahren bekannt und berühmt wurden: Der Keltenfürst von Hochdorf mit seinen kostbaren Grabbeigaben oder die lebensgroße Steinstatue des sogenannten Fürsten vom Glauberg gehören ebenso dazu wie der Limes oder die Spuren der Schlacht im Teutoburger Wald, die älteste bekannte römische Stadtgründung östlich des Rheins in Lahnau-Waldgirmes oder die kostbar verzierten Gewandfibeln und Gürtelgarnituren frühmittelalterlicher Herrscher.

          Dabei erschöpfen sich die Texte nie in langwierigen Beschreibungen, sondern fügen die Funde und Grabungsergebnisse verständlich-umsichtig zu einem faszinierenden historischen Panorama, das die mehr als achthundert textnahen Fotos, Zeichnungen, Diagramme und Karten opulent illustrieren. Die Herstellung von Waffen und Werkzeugen aus Feuerstein, die Konstruktion von Häusern und Befestigungsmauern, die frühen Getreidesorten, der Wald im Wandel der Zeiten, die Organisation römischer und mittelalterlicher Städte, Bestattungsriten, Grabmäler und anderes mehr werden beschrieben und gezeigt. All dies dient - zusammen mit schriftlichen Überlieferungen - als Kulisse für die Rekonstruktion von Staat und Gesellschaft, Kunst und Handwerk, Architektur und Religion.

          Eine gelungene Klammer des Ganzen bilden das erste und das letzte Kapitel: Hier erhält der Leser kurze und stringente Einführungen in die Geschichte der deutschen Archäologie mit ihren kulturellen und methodischen Grundlagen und über die heute aus der Archäologie nicht mehr wegzudenkenden Naturwissenschaften, etwa die Archäobotanik, die Paläozoologie und Anthropologie, mittels derer wir den Speisezettel unserer Vorfahren ebenso rekonstruieren können wie deren sich verändernde Umgebung oder mannigfache Krankheiten.

          MICHAEL SIEBLER

          "Spuren der Jahrtausende - Archäologie und Geschichte in Deutschland". Hrsg. von Uta von Freeden und Siegmar von Schnurbein. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2002. 519 S. mit 854, meist farbigen Abb., geb., bis 31. 8. 2003 34,90 [Euro], danach 39,90 [Euro].

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