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Rezension: Sachbuch : Liberaler Maulwurf

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Der unterirdische Baron Stockmar / Von Dietrich Schwanitz

          Als Jane Austen, einem fürstlichen Wink folgend, ihren Roman "Emma" dem Prince Regent widmen wollte, empfahl ihr der zuständige Hofbeamte, ihr nächstes Buch der Darstellung des glorreichen Hauses von Sachsen-Coburg und Gotha zu weihen, was bei der Autorin einen parodistischen Paroxysmus auslöste. Die Geschichte des Barons Stockmar von Rita von Wangenheim ist zwar kein Roman, denn die Autorin hält sich an die historischen Fakten, aber sie ist auf dem Weg dorthin. Und vom glorreichen Haus von Sachsen-Coburg und Gotha handelt sie auch.

          Christian Freiherr Friedrich von Stockmar, geboren am 22. August 1787 zu Coburg, war Leibarzt des Prinzen Leopold von Coburg, als dieser nach England ging, um Charlotte Auguste, die Tochter Georgs IV. und präsumptive Thronerbin von Großbritannien, zu heiraten. An der Seite Leopolds glitt Stockmar allmählich in die Rolle einer grauen Eminenz im Schattenreich zwischen dynastischer Politik, moralisch-seelischer Beratung und Prinzenerziehung.

          Es war die Zeit der Revolten und Revolutionen, in denen sich die Völker befreiten oder ihren Herrschern Verfassungen abtrotzten. Dabei gab es neue Throne an Fürsten zu vergeben, die bereit waren, liberale Verfassungen zu beachten. Das bot auch kleinen deutschen Fürsten eine Chance. Leopold wurde 1817 Witwer und war damit wieder auf dem Markt. Sein Vertrauter und diplomatischer Agent hinter den Kulissen wurde Stockmar.

          Der half Leopold bei den verwickelten Verhandlungen, in denen er den Thron des befreiten Griechenlands ablehnte und statt dessen den Belgiens bestieg, das sich gerade von Holland getrennt hatte. Und als Stockmar gar die Heirat des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg mit Königin Victoria anbahnen half und als geschätzter Ratgeber der Queen wirkte, wurde er eine Instanz, deren Einfluß um so mehr Verdacht in der Öffentlichkeit erregte, als er nicht durch ein Amt kontrollierbar war.

          Über das Leben dieser umtriebigen Figur hat Rita von Wangenheim, eine Verwandte ihres Helden, mit Rückgriff auf das Familienarchiv und die Aufzeichnungen des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Fabian von Schlabrendorff eine Art "romanhaftes Lebensbild" verfaßt. Aus dem Vorwort erfahren wir, daß Stockmar vor seinem Tod im Jahre 1863 durch gezielte Vernichtung kompromittierender Aufzeichnungen seine Spuren verwischt hat und daß der Rest seiner Unterlagen 1933 dem englischen Königshaus übereignet wurde, mit dem Ziel, sie vor den Nazis zu retten. Diese Papiere gehören zu den Unterlagen, die Schlabrendorff eingesehen hat.

          Frau von Wangenheims Kompositionsprinzip hat ein (vielleicht gar nicht bewußt genutztes) Vorbild: Das ist Otto Zierers "Bild der Jahrhunderte" in 37 Bänden. Da agieren wie bei einem historischen Roman die Figuren der Geschichte zusammen mit erfundenen Stallknechten und anderen Statisten auf der Bühne ihrer eigenen Erlebnisgegenwart und ziehen den Leser in ihren fiktionalen Bann. Doch die Szenen werden so arrangiert, daß zwanglos authentische Quellen einmontiert werden können. Frau von Wangenheim fügt dem in ihrem Buch noch knappe Berichte über historische Entwicklungen und weniger knappe Informationskondensate über verwickelte Familienverhältnisse hinzu.

          Das Ergebnis reizt manchmal zum Lachen. Die abrupten Stilwechsel machen die Lektüre zu einer historischen Kutschfahrt über eine Straße mit gewaltigen Schlaglöchern. Mal geht es zu wie bei Gustav Freytags "Bildern aus der deutschen Vergangenheit": "Bist du schon da, verehrter Herr Doktor? Sein Gegenüber, ein derber, rotgesichtiger Mann, der bis dahin gedankenverloren vor sich hingestarrt hatte, sah ihn aus biertrüben Augen an." Mal wird mit dem Fatalismus einer Familienchronik ungerührt konstatiert, wie jene Cousine unglücklich heiratete und dieser Onkel ein schlimmes Ende nahm, wobei unser Gedächtnis durch die Zahl der blaß bleibenden Figuren bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit herausgefordert wird. Und dann wiederum liest man informative Gespräche über Politik von Talleyrandscher Finesse und illusionsloser Scharfsichtigkeit.

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