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Rezension: Sachbuch : Leuchtendes Ego

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Avedons Blick auf die sechziger Jahre · Von Karl Markus Michel

          4 Min.

          Die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sind sicher das Dezennium der Nachkriegszeit, das sich am deutlichsten in die Geschichte eingezeichnet hat. Aber mit welchem Lineament? Der Eindruck, den wir der Erinnerung oder einer Chronik verdanken, ist verwirrend. Die Sechziger waren so manches. Zunächst aber waren sie das Jahrzehnt des Vietnamkrieges und des Protests gegen ihn. Was schleichend unter Kennedy begann, hatte in den folgenden zehn Jahren, unter Johnson und Nixon, die Vereinigten Staaten fast zerrissen.

          Die Sechziger waren zugleich das Jahrzehnt der Pop-Revolution. Durch sie wurde 1964 das Zentrum des Kunstbetriebs handstreichartig von Paris nach New York verlegt, wo früher vor allem Warhol die Konsumierbarkeit aller Mythen besorgte. Noch wichtiger für das Jahrzehnt war die Popmusik (1961 erschien Bob Dylans erstes Album, 1970 starben kurz hintereinander Jimi Hendrix und Janis Joplin an Heroin). Ohne den neuen Beat, ohne die Drogen und die Antibabypille (seit 1960) hätte es die Hippie-Bewegung vielleicht gar nicht gegeben, und ohne ihre "Flower Power" (Allen Ginsberg 1965) wären die Antikriegskampagnen kaum so exaltiert geraten, wäre womöglich auch die neue Gläubigkeit, diese Drugstore-Spiritualität, nicht entstanden. (Der Supreme Court entschied 1965, dass jeder, der an ein höheres Wesen glaubt, egal an welches, sich vom Kriegsdienst befreien lassen kann.)

          Die Sechziger waren aber auch das Jahrzehnt der Weltraumfahrt (auf Gagarins Erdumkreisung folgte 1962 die von John Glenn und 1969 die Mondlandung; Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" kam 1968 in die Kinos). Und sie waren, nachdem 1960 der neue Civil Rights Act in Kraft getreten war, das Jahrzehnt der heftigsten Kämpfe um diese Bürgerrechte - mittels Demonstrationen, Blockaden und Märschen, blumigen und blutigen. Einen ersten Höhepunkt bildete der Marsch auf Washington von 1963: Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Martin Luther King hielt seine Rede "I have a dream". Der Traum endete mit den von der Nationalgarde niedergeschlagenen Getto-Unruhen in Newark und Detroit (1967).

          Die sechziger Jahre bescherten uns noch manches andere, zum Beispiel politisch oder kulturell motivierte Mordanschläge - gegen John F. Kennedy, Robert Kennedy, Martin Luther King, Malcolm X, Sharon Tate und andere; die Frauen- und die Schwulenbewegung (die seit 1968 - dank dem Attentat der Valery Solanas auf Andy Warhol - innig miteinander verbunden sind); die Lust auf Erlösung, sei's durch eine modische Therapie (1960 erschien Laings "Geteiltes Selbst", 1970 Janovs "Urschrei"), sei's durch Polit-Fantasy (1967 bis 1969 wurde in der westlichen Welt die Mao-Bibel dreihundertfünfzig Millionen Mal verkauft, die Che-Ikone mindestens ebenso oft).

          Insgesamt war es ein amerikanisch geprägtes Jahrzehnt - welches europäische Gegenkulturphänomen jener Zeit wäre nicht einem amerikanischen Muster gefolgt! Jedenfalls sind es vornehmlich diese Muster, die Originale der Dissidenz, denen der vorliegende Band seine Reverenz erweist. Er verbindet die ins Mikrofon von Doon Arbus gesprochenen Konfessionen von etwa sechzig mehr oder weniger bekannten Dezenniumsgenossen mit fotografischen Aufnahmen dieser und anderer Personen. Die Statements wirken um nichts lebendiger als andere O-Ton-Zeugnisse, wenn sie in die Jahre gekommen sind. Was uns heute, nach mehr als dreißig Jahren, am meisten beeindruckt, ist ihre hilflose Maßlosigkeit, ihre geborgte Authentizität.

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