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Rezension: Sachbuch : Letzte Ausfahrt Mimesis

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"Eine Eigentümlichkeit höherer Kulturen ist ihre Fähigkeit zu Renaissancen", urteilt Jacob Burckhardt in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen". Heute gehört es eher zum Mechanismus akademischer Aufmerksamkeit, daß vorübergehend vernachlässigte Perioden alsbald mit Notwendigkeit zum neuen Kernbereich der Forschung erklärt werden.

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          "Eine Eigentümlichkeit höherer Kulturen ist ihre Fähigkeit zu Renaissancen", urteilt Jacob Burckhardt in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen". Heute gehört es eher zum Mechanismus akademischer Aufmerksamkeit, daß vorübergehend vernachlässigte Perioden alsbald mit Notwendigkeit zum neuen Kernbereich der Forschung erklärt werden. Die in den letzten Jahren unter dem Signum "um 1800" vorgenommene Stilisierung des frühen 19. Jahrhunderts zur Dependance der Postmoderne scheint freilich ihrerseits wieder an einen Umschlagpunkt gelangt zu sein. Das Interesse am mittleren und späten 19. Jahrhundert dagegen nimmt auch jenseits der schon früher auf die Industrialisierung fixierten Kulturwissenschaften weiter zu. Welche wissenschaftshistorischen Potentiale unter der durch Monumentalbezeichnungen wie "Positivismus", "Historismus" oder "Realismus" zubetonierten Oberfläche zu entdecken sind, beweist die unorthodoxe Relektüre kanonischer Texte dieses Zeitraums, welche Dorothee Kimmich in ihrer Habilitationsschrift vorführt.

          In der kulturpoetisch ausgerichteten Arbeit geht Kimmich nach den goldenen Regeln des new historicism - statt ausuferndem Theorieapparat pragmatische Lektüre, Vergleich von Quellen verschiedener Provenienz - der Frage nach, wann und wo die ersten Spuren eines neuen Geschichtsdenkens jenseits des organologisch-genetischen Modells zu finden sind. Die leitende Hypothese lautet: Der Durchbruch gelingt nicht in der Geschichtsschreibung selbst, sondern im verwandten, aber doch klar geschiedenen Feld der Literatur. Das voraufgehende Geschichtsmodell des späten 18. Jahrhunderts, beginnend mit Herder und endend etwa bei Humboldt, setzte sich zwar vom teleologischen Perfektibilitätsgedanken der Aufklärung ab, war aber zugleich dessen Fortschreibung, indem Teleologie kurzerhand gegen Entwicklung, Erziehung und Bildung ausgetauscht wurde.

          Die neue Form hingegen ist geprägt durch Auflösung: Im Bewußtsein der Geschichtlichkeit der Kultur entsteht laut Kimmich eine selbstreflexive, in weiten Teilen narrative Historiographie ohne feste Programmatik, deren Erprobung im literarischen Bereich zum großen Teil bereits abgeschlossen ist, als die historische Fachwissenschaft sie überhaupt zur Kenntnis nimmt. Der Verlust der vertrauten Ordnung, die Zuwendung zum Individuellen und eine allgemeine Walter-Scott-Begeisterung führen als Gegenreaktion zunächst zu einer bildhaften Geschichtsdarstellung vor allem in England und Frankreich. Gustav Droysen hält demgegenüber zwar bereits Selbstreflexivität für ein Kennzeichen der neuen Historiographie, verfährt jedoch in der Praxis, wie Ranke und Görres ohnehin, weiterhin traditionell ereignisgeschichtlich.

          Es ist vielmehr der Dichter der Jungdeutschen, Heinrich Heine, der literarische Strategien entwirft, mit denen Geschichte als unabschließbarer Prozeß darstellbar wird. Indem er Kultur antimetaphysisch durch eine Art "Lustprinzip" erklärt, eröffnet sich die Möglichkeit einer Ästhetik des selbstreflexiven Kommentars und der Ironisierung, die sich laut Kimmich als Vorbild für eine nichtteleologische Historiographie eigne. Eine solche Poetik der Historisierung aller Grundlagen findet sich und findet Kimmich mit jeweils eigenem Schwerpunkt bei vielen Literaten nach dem Ende der "Kunstperiode". Entscheidende Positionen der von Hayden White entwickelten metahistory sieht sie hier bereits vorgedacht.

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