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Rezension: Sachbuch : Lest eure großen Männer

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Anthony Grafton studiert die Humanisten als Leser der Klassiker

          4 Min.

          In einem berühmten Brief aus dem Dezember des Jahres 1513 erzählt Niccolò Machiavelli seinem Freund Francesco Vettori, wie er nun, da er von den politischen Geschäften ferngehalten wird, seine Abende zubringt: Er betritt sein Studierzimmer, zieht gleich an der Tür die schmutzige Tageskleidung aus und legt sein Staatsgewand an, um sich mit den Männern des Altertums zu unterhalten und von ihnen Aufschluß über ihre Taten zu verlangen. Gegenüber dieser Erfahrung höchsten Glücks verblassen Kummer und Armut, ja selbst der Tod verliert seinen Schrecken. Die imaginären Gespräche schlagen sich in der Schrift über den Fürsten nieder. Wohl selten hat jemand den Nutzen und die Selbstverständlichkeit der Lektüre antiker Autoren eindringlicher beschworen als Machiavelli. Diesen schöpferischen "Umgang mit den Klassikern", den die Humanisten des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts pflegten, stellt Anthony Grafton in seinem jüngsten Buch mit fünf präzise gearbeiteten Fallstudien vor.

          Bereits der doppeldeutige Titel weist darauf hin, daß die großen Geister der Antike und der frühen Neuzeit keineswegs im luftleeren Raum vorgeblich "ewiger Werte" aufeinandertrafen. Denn schließlich umfaßt "commerce" schwunghaften Handel und geselligen Verkehr gleichermaßen, ja, der lateinische Begriff "commercium" kann sogar die Begegnung des gläubigen Christen mit Gott meinen. Daher vermißt Grafton ähnlich wie sein Kollege Robert Darnton, der die Verbreitung der "Encyclopédie" von D'Alembert und Diderot als "Das Geschäft der Aufklärung" beschrieben hat, das ganze weite Feld zwischen dem Warenwert und dem wahren Wert der Klassiker, zwischen Buch- und Geistesgeschichte.

          Den Anfang macht Lorenzo Valla, im Haifischbecken des neapolitanischen Hofes der angriffslustigste Polemiker und bissigste Kritiker des Überkommenen. Höchsten philologischen Scharfsinn legte er an den Tag, als er die sogenannte "Konstantinische Schenkung" als Fälschung erwies und damit der Kirche die Rechtmäßigkeit ihrer weltlichen Herrschaft bestritt. Seine lateinische Thukydidesübersetzung für Papst Nikolaus V. allerdings kommt zunächst einmal als schönes Buch in klarer Humanistenschrift daher, umrahmt von wenigen Randbemerkungen und einigen prächtigen Miniaturen, auf denen der antike Historiker den Leser unmittelbar anzusprechen scheint. Für die Erläuterung des Textes bediente sich Valla großzügig bei den griechischen Kommentatoren; die typographische Auszeichnung der Reden, welche Thukydides seinen Staatsmännern in den Mund gelegt hat, scheint ganz dem humanistischen Klischee zu entsprechen, die Geschichtsschreibung sei vor allem eine rhetorische Aufgabe. Dagegen zeigt Vallas eigenes Geschichtswerk über Ferdinand von Aragon gerade, daß das griechische Vorbild dabei helfen konnte, die Grenzen der humanistischen Rhetorik zu überwinden und die Errungenschaften der neuen Zeit gegenüber dem bewunderten Altertum herauszustreichen.

          Leon Battista Alberti ist der Nachwelt vor allem als Architekt des Palazzo Rucellai in Erinnerung geblieben und als erster Theoretiker der Perspektive; man meint, er habe mehr Staub auf Baustellen als in Bibliotheken eingeatmet. Grafton läßt jedoch aus dem Originalgenie den Bücherwurm hervorkriechen, der sich durch die griechischen Geschichtsschreiber fraß, um die antike Architektur verwandelt wiedererstehen zu lassen. Alberti begegnete den Klassikern von gleich zu gleich. Nur der philologisch geschärfte Blick erkennt in den "Büchern von der Familie" hinter der Maßgabe, jeden einzelnen Tag möglichst gewinnbringend einzuteilen und auszunützen, die frühkapitalistische Umwidmung von Senecas Gebot der täglichen Seelenprüfung.

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