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Rezension: Sachbuch : Lesehallen für das Volk

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Öffentliche Bibliotheken im deutschen Kaiserreich

          "Niemand wird sich ein Haus bauen lassen von einem Major a. D. oder einem pensionierten Oberlehrer, sondern von einem Baumeister, aber Bibliothekar spielen, das will ein jeder können, denn Bücher hat jeder schon die Menge gelesen, und einen Titel abschreiben auf einen Zettel ist keine Kunst." Diese Worte des Bibliothekars Constantin Nörrenberg könnten auch heute noch so manchem sparwütigen Stadt- und Landesvater hinter die Ohren geschrieben werden - dabei stammen sie aus dem Jahre 1895. Nachzulesen sind sie in einem Band, der sich mit der "Literaturversorgung als kommunaler Aufgabe im Kaiserreich und in der Weimarer Republik" beschäftigt und Vorträge einer 1994 in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel abgehaltenen Tagung versammelt. Das fragile Verhältnis einer Stadt zu ihren Bibliotheken, lange Zeit in der Bibliotheksgeschichte weitgehend unbeachtet, hat seit jener Tagung zu verstärkter Beschäftigung in Fachkreisen geführt, wie etwa Julia Hiller von Gaertringens Arbeit über die Stadt- und Landesbibliothek Düsseldorf beweist (F.A.Z. vom 28. August 1997).

          Leseförderung war bis ins ausgehende neunzehnte Jahrhundert vorrangig die Aufgabe privater Lesevereine, die aber nur einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung erreichten: ein Spiegelbild der Gesellschaftsstruktur jener Zeit, in der etwa auch das Dreiklassenwahlrecht zu einer starken Machthäufung beim Besitzbürgertum führte, wie Harald Pilzer ausführt. Erst die "Bücherhallenbewegung" mit ihrer an der "Free Public Library" der englischsprachigen Welt orientierten Bibliothekspolitik brachte frischen Wind in das deutsche Büchereiwesen der Kaiserzeit, wobei der legendäre Streit zwischen Erwin Ackerknecht in Stettin und Walter Hofmann in Leipzig, "ein deutsches Phänomen", den Generalbaß zu einer Fülle von Einzelentwicklungen bildet. Im sogenannten Richtungsstreit vertrat Ackerknecht eine modernere Position, setzte sich etwa für altersgerechte Kinderbücher ein, Hofmann hingegen prägte den unseligen Begriff des Hinauflesens, womit er die systematische Fortbildung der Leserschaft meinte: Er ließ die Benutzer Lesehefte anlegen, um sie allmählich an anspruchsvollere Lektüre heranzuführen.

          Jörg Fligge gibt einen bemerkenswerten Überblick über das Bibliothekswesen der Thomas-Mann-Stadt Lübeck, der als beispielhaft für die Entwicklung in so mancher Stadt im Deutschen Reich gelten darf: Zwar verfügte Lübeck über eine Ratsbibliothek, die sich sehen lassen konnte und deren Lesesaal beide Weltkriege überdauert hat, aber bei der Umwandlung in eine moderne Stadtbibliothek war man auf private Spenden angewiesen. Als Wohltäter erwiesen sich unter anderem der "Jünglingsverein Feierabend", der "Verein für künstliche Fischzucht" und die "Trinkerfürsorgestelle" - ebenso wie der "Verein der Weinhändler"! Ob hier ein Finanzierungsmodell für die Zukunft vorliegt, sei dahingestellt . . . Übrigens besaß die Bibliothek neben zahlreichen anderen Realien auch eine echte ägyptische Mumie, die aus der Stadtapotheke dorthin gelangt war - hoffentlich kein Prototyp eines deutschen Bibliothekars! Einen Schildbürgerstreich leisteten sich die Lübecker im Jahre 1912, als der Senat der Stadt ein "Kaiser-Wilhelm-Volkshaus" für die öffentlichen Bücherhallen zu errichten gedachte und auch ein Kaiser-Denkmal für sage und schreibe 150000 Reichsmark in Auftrag gab. Die Pointe: Das Denkmal wurde errichtet, das Bibliotheksgebäude nie!

          Immerhin aber besaß die Stadt Lübeck schon seit 1911 eine der ersten "Kinderlesehallen" im Reich, die eine vorbildliche Programmarbeit betrieb, so daß die Kleinen nicht unter der verqueren Finanzpolitik der Großen zu leiden hatten. Die zahlreichen Statistiken in Fligges Referat hätten in einen Anhang verbannt werden können. Unter den Benutzern sind hier neben Ärzten, Apothekern und Juristen sogar schon Frauen aufgeführt.

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